Der psychologische Wegweiser
Persönlichkeit und Beziehung verstehen
Wie wir Nähe erleben, mit starken Gefühlen umgehen und was uns in Beziehungen trägt.
Manche Menschen suchen bei Unsicherheit das Gespräch. Andere brauchen zuerst Zeit für sich. Einige sprechen ihren Ärger sofort aus, andere befürchten lange, damit eine Beziehung zu gefährden. Solche Unterschiede gehören zu unserer Persönlichkeit. Sie bestimmen mit, was wir voneinander erwarten, wie wir Nähe erleben und woran Konflikte entstehen.
Drei Fragen können beim Verstehen helfen: Wie gehe ich mit Nähe und Abstand um? Was gelingt mir, wenn Gefühle stark werden? Und wie sehr schränken bestimmte Schwierigkeiten mein Leben ein?
Jeder Mensch gestaltet Beziehungen auf seine Art
Vielleicht fühlen Sie sich besonders sicher, wenn eine Verbindung eng und verlässlich ist. Vielleicht brauchen Sie viel eigenen Raum, um sich überhaupt auf jemanden einlassen zu können. Vielleicht fällt Ihnen Fürsorge leicht, während es ungewohnt ist, selbst etwas zu brauchen.
Der Psychoanalytiker Fritz Riemann hat in seinem Buch Grundformen der Angst (1961) beschrieben, dass Menschen auf sehr unterschiedliche Weise Angst haben können, unter anderem die Angst, sich in einer engen Bindung selbst zu verlieren, und die Angst, verlassen zu werden. Seine Gedanken können eine Sprache dafür anbieten, weshalb dieselbe Situation für den einen Menschen beruhigend und für den anderen bedrohlich sein kann.
Wichtig dabei: Das ist ein Deutungsmodell, kein Test. Entscheidend ist nicht, welchem Typ man angeblich entspricht, sondern welche Wünsche und Befürchtungen in meinen Beziehungen auftreten und wie viel Spielraum daneben bleibt.
Kann ich Nähe suchen und auch Abstand zulassen? Oder fühlt sich eine dieser Möglichkeiten kaum erträglich an?
Welche inneren Fähigkeiten tragen uns in Beziehungen?
Es macht einen Unterschied, was eine Beziehung in uns auslöst und wie wir damit umgehen können.
Kann ich bemerken, ob ich gerade traurig, beschämt oder wütend bin? Kann ich intensive Gefühle aushalten und mich wieder beruhigen? Bleibt mir in einem Streit zugänglich, dass dieser Mensch mir auch zugewandt sein kann? Und kann ich mir Unterstützung holen, wenn meine eigenen Mittel nicht ausreichen?
In der Psychodynamik werden solche inneren Fähigkeiten als psychische Struktur bezeichnet. Die Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik (OPD), ein in Forschung und Praxis verbreitetes Diagnosesystem, schaut unter anderem darauf, wie jemand sich selbst und andere wahrnimmt, Gefühle und Impulse reguliert und Bindungen eingeht. Dabei werden vorhandene Möglichkeiten ebenso betrachtet wie Einschränkungen.
Das ist keine Wertung: Jemand kann beruflich sehr kompetent sein und zugleich große Schwierigkeiten haben, sich nach einer Zurückweisung innerlich zu stabilisieren. Und unter Belastung sind diese Fähigkeiten oft schlechter erreichbar als in sicheren Momenten.
Auch das gehört dazu: Nicht jede Beziehungsschwierigkeit lässt sich aus der eigenen Persönlichkeit erklären. Wichtig ist auch, wie der andere Mensch Ihnen tatsächlich begegnet.
Wann spricht man von einer Persönlichkeitsstörung?
Nicht schon deshalb, weil jemand schwierig erscheint, viel Nähe braucht oder Konflikte heftig erlebt.
Eine Persönlichkeitsstörung wird nur dann angenommen, wenn Schwierigkeiten im Erleben der eigenen Person oder in Beziehungen über längere Zeit bestehen, sich in unterschiedlichen Lebensbereichen zeigen und mit erheblichem Leiden oder deutlichen Beeinträchtigungen verbunden sind. Andere Erklärungen und der soziale und kulturelle Zusammenhang müssen berücksichtigt werden. Die WHO-Klassifikation ICD-11 richtet den Blick dabei vor allem auf den Schweregrad der Beeinträchtigung.
Entscheidend ist also nicht eine einzelne Eigenart, sondern wie stark und anhaltend Schwierigkeiten das Leben beeinträchtigen.
Eine solche Diagnose beschreibt Schwierigkeiten, für die es Behandlung gibt. Sie erfasst nicht die gesamte Persönlichkeit eines Menschen, und sie legt seine Zukunft nicht fest.
Veränderung ist möglich
Auch lange vertraute Beziehungsmuster müssen nicht unverändert bleiben. Psychotherapie kann helfen, eigene Reaktionen besser wahrzunehmen, intensive Gefühle anders zu bewältigen und Beziehungen mit mehr Spielraum zu gestalten. Für die Borderline-Persönlichkeitsstörung betont die britische Behandlungsleitlinie (NICE) ausdrücklich, dass Behandlungsmöglichkeiten in einer Atmosphäre der Hoffnung und Zuversicht besprochen werden sollten und dass Genesung möglich und erreichbar ist.
Sie müssen weder sich selbst noch einen anderen Menschen einordnen können, bevor Sie Unterstützung suchen. Es genügt zunächst wahrzunehmen, dass etwas immer wieder schmerzt oder schwer zu verändern ist.
Die Frage kann dann lauten: Was geschieht in meinen Beziehungen, und welche Möglichkeiten möchte ich darin hinzugewinnen?
Für alle, die tiefer einsteigen möchten
Der Psychoanalytiker Otto F. Kernberg beschreibt mit dem Begriff der Persönlichkeitsorganisation, wie zusammenhängend wir uns selbst und andere erleben, welche Abwehrweisen vorherrschen und wie zuverlässig zwischen innerem Erleben und äußerer Wirklichkeit unterschieden werden kann. Mit Abwehr sind meist unbewusste innere Schutzmechanismen gegen belastende Gefühle gemeint.
Dabei ist eine begriffliche Klärung wichtig: Eine Borderline-Persönlichkeitsorganisation im Sinne Kernbergs ist nicht dasselbe wie die klinische Diagnose einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Der Strukturbegriff beschreibt ein breiteres Organisationsmuster. Auch ist dieses Modell nicht mit der OPD gleichzusetzen. Die Ansätze ergänzen sich, sind aber unterschiedlich aufgebaut.
Solche Konzepte dienen der sorgfältigen fachlichen Einschätzung. Aus einem einzelnen Streit, starkem Rückzugsbedürfnis oder wechselnden Gefühlen lässt sich nichts ableiten.
Quellen
Grundformen der Angst. Riemann, F. (1961). Grundformen der Angst. Eine tiefenpsychologische Studie. München: Ernst Reinhardt Verlag. Quelle öffnen
Psychische Struktur. Arbeitskreis OPD und Benecke, C. (Hrsg.). OPD-3: Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik. Bern: Hogrefe, 2. Auflage 2024. Quelle öffnen
ICD-11. World Health Organization (2024). Clinical descriptions and diagnostic requirements for ICD-11 mental, behavioural and neurodevelopmental disorders (CDDR). Quelle öffnen
Borderline-Persönlichkeitsstörung. National Institute for Health and Care Excellence (NICE). Borderline personality disorder: recognition and management (CG78), Empfehlung 1.1.3. Quelle öffnen
Persönlichkeitsorganisation nach Kernberg. Fachartikel zur strukturellen Persönlichkeitsdiagnostik, American Journal of Psychotherapy. Quelle öffnen
Fachlich geprüft am 30. Oktober 2026 von Rahel Simmenauer, Psychologische Psychotherapeutin.
