Der psychologische Wegweiser

Ich habe Angst, verlassen zu werden.

Schon kleine Veränderungen im Kontakt können mich verunsichern. Dann fällt es mir schwer, darauf zu vertrauen, dass unsere Beziehung bestehen bleibt.

Die Beziehung besteht, und eigentlich gibt es keinen Grund zu zweifeln. Und doch kann sich die Möglichkeit, den anderen zu verlieren, erschreckend nah anfühlen.

Schon eine kleine Veränderung kann genügen. Eine Antwort bleibt aus, ein Abschied fällt knapper aus als sonst, Ihr Gegenüber wirkt mit den Gedanken woanders. Sie wissen nicht, was das bedeutet. Doch innerlich beginnt bereits etwas: Sie gehen das letzte Gespräch durch, suchen nach einem Hinweis und fragen sich, ob sich zwischen Ihnen etwas verändert hat.

Vielleicht können Sie sich zunächst beruhigen. Dann taucht der Zweifel wieder auf. Sie möchten nachfragen, hören, dass alles in Ordnung ist. Aber selbst eine liebevolle Antwort erreicht die Angst manchmal nur für kurze Zeit. Zugleich kann es Ihnen schwerfallen, erneut um Bestätigung zu bitten. Sie möchten den anderen nicht bedrängen und fürchten doch, etwas zu verlieren, wenn Sie einfach abwarten.

Was dabei auf dem Spiel steht, kann weit über die Beziehung hinausreichen.

Nicht jede Verlustangst entsteht aus einer unbegründeten Befürchtung. Es kann sein, dass Sie tatsächlich Unzuverlässigkeit, Rückzug oder eine drohende Trennung erleben. Die Angst kann aber auch dort bestehen bleiben, wo Ihnen ein Mensch verlässlich zugewandt ist. Entscheidend ist, wie viel Raum sie einnimmt und ob Sie neben ihr noch Vertrauen, eigene Wünsche und einen Alltag erleben können, der nicht ständig um den möglichen Verlust kreist.

Was fürchten Sie mit diesem Menschen zu verlieren?

Psychologische Perspektiven

Wenn wir die Verbindung immer wieder neu spüren müssen

Nach einem vertrauten Gespräch fühlen wir uns sicher. Wir wissen, dass wir dem anderen wichtig sind. Doch einige Stunden später, wenn wir allein sind und nichts von diesem Menschen hören, ist dieses Wissen merkwürdig weit entfernt. Wir erinnern uns an die Worte, aber das Gefühl, gemeint und geliebt zu sein, lässt sich kaum noch erreichen.

Der Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald W. Winnicott beschäftigte sich mit der Frage, wie Kinder Abwesenheit allmählich überbrücken können. Er beschrieb, dass das Gefühl, die Mutter sei da, bei einem kleinen Kind nur eine gewisse Zeit anhält. Bleibt sie länger fort, verblasst ihr inneres Bild. Kehrt sie bald zurück, lässt sich die Unruhe wieder beruhigen (Winnicott, 1967). Vertraute Gegenstände und Erfahrungen, die er Übergangsobjekte nannte, helfen dabei, solche Zeiten zu überbrücken. Sie gehören zu einem Entwicklungsprozess, in dem Trennung zunehmend ausgehalten werden kann (Winnicott, 1953).

Daran lässt sich für erwachsene Beziehungen die Frage anschließen, was uns hilft, Verbundenheit auch während einer Abwesenheit zu bewahren. Vielleicht brauchen wir dann immer wieder ein neues Zeichen von außen, weil die beruhigende Wirkung einer Begegnung innerlich nur kurz trägt. Eine Nachricht soll dann nicht bloß informieren. Sie soll etwas wieder spürbar machen, das uns gerade entglitten ist.

Was hilft uns, die Zuwendung eines Menschen auch dann noch zu spüren, wenn wir gerade nichts von ihm hören?

Wenn eine mögliche Trennung wie eine unmittelbare Gefahr wirkt

Zwischen der Vorstellung, verlassen zu werden, und dem Gefühl, es geschehe bereits, kann manchmal kaum Abstand liegen. Wir werden unruhig, können uns auf wenig anderes konzentrieren und möchten sofort etwas tun. Selbst wenn wir wissen, dass noch nichts entschieden ist, lässt sich die Angst durch vernünftige Überlegungen kaum beruhigen.

Sigmund Freud beschrieb in „Hemmung, Symptom und Angst“, wie Angst als Signal einer erwarteten Gefahr entstehen kann. Zu diesen Gefahren zählte er den Verlust einer wichtigen Person oder ihrer Liebe und die damit verbundene Hilflosigkeit. Seine Überlegungen richten den Blick darauf, was eine mögliche Trennung innerlich bedroht (Freud, 1926).

So kann eine gegenwärtige Unsicherheit Gefühle berühren, die uns aus früheren Erfahrungen vertraut sind. Wir fürchten dann vielleicht nicht allein den Abschied, sondern auch einen Zustand, in dem wir uns ohne Halt und unseren Gefühlen ausgeliefert erleben. Ob eine aktuelle Gefahr besteht und weshalb sie uns so tief erschüttert, sind dabei zwei Fragen, die beide Aufmerksamkeit verdienen.

Was erscheint uns an der möglichen Trennung am schwersten auszuhalten und was bliebe uns auch dann, das uns hält?

Wenn wir versuchen, unentbehrlich zu werden

Vielleicht kennen wir die Wünsche des anderen sehr genau. Wir bemerken die Stimmung unseres Gegenübers, nehmen Rücksicht und sind zur Stelle, wenn es etwas braucht. Eigene Enttäuschungen sprechen wir dagegen vorsichtig oder gar nicht an. Es fühlt sich sicherer an, verständnisvoll zu bleiben, als etwas zu verlangen, das den anderen verärgern könnte.

Die Psychoanalytikerin Karen Horney beschrieb in „Our Inner Conflicts“, wie Menschen durch ausgeprägte Anpassung und das Suchen nach Zuneigung versuchen können, zwischenmenschliche Unsicherheit zu bewältigen. In ihrer Theorie kann die Hinwendung zu anderen einen zwingenden Charakter bekommen: Zustimmung und Nähe werden dann so wichtig, dass eigene Wünsche kaum noch vertreten werden können (Horney, 1945).

Aus dieser Perspektive kann Fürsorge mit der stillen Hoffnung verbunden sein, dadurch vor dem Verlassenwerden geschützt zu sein. Gebraucht zu werden vermittelt Sicherheit. Zugleich bleibt vielleicht die schmerzliche Frage offen, ob wir auch dann willkommen wären, wenn wir weniger geben, widersprechen oder selbst Unterstützung brauchen.

Trauen wir der Beziehung auch dann Bestand zu, wenn wir den anderen enttäuschen oder ihm gerade nichts geben können?

Wenn der andere uns hilft, uns selbst zu spüren

Es gibt Zeiten, in denen wir uns erst durch die Zuwendung eines anderen Menschen sicherer mit uns selbst fühlen. Sein Interesse lässt uns spüren, dass wir etwas zu sagen haben. Sein Vertrauen macht uns etwas zuversichtlicher. In seiner Gegenwart finden wir Zugang zu einem Gefühl von eigenem Wert, das uns allein nur schwer erreichbar ist.

Der Psychoanalytiker Heinz Kohut beschrieb mit dem Begriff Selbstobjekt, wie andere Menschen wichtige Funktionen für unser Selbstgefühl übernehmen können. Ihre Anteilnahme, Bestätigung oder beruhigende Gegenwart tragen dazu bei, dass wir uns lebendig, wertvoll und innerlich zusammenhängend erleben. Solche Bedürfnisse gehören in seiner Theorie zum menschlichen Leben und bleiben auch im Erwachsenenalter bedeutsam (Kohut, 1977).

Wenn dieses innere Gefühl jedoch sehr verletzlich ist und stark von einem bestimmten Menschen getragen wird, kann schon eine kleine Veränderung seiner Zuwendung tief verunsichern. Wir vermissen dann nicht allein die Nähe dieses Menschen. Vielleicht fühlen wir uns plötzlich wertlos, leer oder kaum noch wie wir selbst. Die Angst, ihn zu verlieren, kann deshalb so dringlich werden: Mit ihm scheint auch der Halt verloren zu gehen, den wir in uns selbst gerade nicht finden.

Fürchte ich, mit dir auch das Gefühl für mich selbst zu verlieren, das ich in deiner Nähe finde?

Was die Nähe eines vertrauten Menschen verändern kann

Eine schwierige Situation kann erträglicher werden, sobald jemand bei uns ist. Das Problem besteht weiter. Doch eine vertraute Stimme oder eine Hand, die unsere hält, kann verändern, wie allein wir uns damit fühlen. Diese Alltagserfahrung haben Forschende auch experimentell untersucht.

In einer 2006 veröffentlichten Studie des Psychologen James Coan und seines Teams erwarteten 16 verheiratete Frauen während einer Hirnscan-Untersuchung möglicherweise einen elektrischen Reiz. Dabei hielten sie entweder die Hand ihres Ehemannes, die eines fremden Mannes oder keine Hand. Beim Handhalten mit dem Ehemann fiel die Aktivität in mehreren an der Bedrohungsverarbeitung beteiligten Hirnregionen geringer aus als ohne Handkontakt. Die Untersuchung war klein und auf eine besondere Situation begrenzt (Coan, Schaefer und Davidson, 2006).

Eine spätere Untersuchung mit 110 Teilnehmenden griff diesen Ansatz auf. Auch dort war das Handhalten mit einer vertrauten Person mit geringeren bedrohungsbezogenen Hirnreaktionen verbunden. Dabei machte es keinen Unterschied, ob es sich um eine Freundschaft, eine Partnerschaft oder eine Ehe handelte (Coan und Kollegen, 2017).

Diese Studien erklären nicht, weshalb ein bestimmter Mensch unter Verlustangst leidet. Sie zeigen jedoch, dass wir Belastungen je nach Beziehungssituation unterschiedlich verarbeiten können. Sich durch einen anderen Menschen beruhigen zu lassen, ist für sich genommen kein Zeichen mangelnder Selbstständigkeit.

Für unser Thema eröffnet sich daran eine weitere Frage: Was geschieht, wenn die Person, bei der wir Beruhigung finden, zugleich diejenige ist, um deren Zuwendung wir fürchten? Vielleicht suchen wir dann gerade bei ihr die Sicherheit, die uns durch eine Unsicherheit zwischen uns verloren gegangen ist. Eine Antwort kann entlasten, ohne die Angst auf Dauer zu lösen.

Hilfreich kann sein, gemeinsam genauer wahrzunehmen, welche Zuwendung trägt, wie Abwesenheit überbrückt werden kann und welche weiteren Beziehungen oder eigenen Erfahrungen uns Halt geben. So kann Sicherheit auf mehreren Wegen erreichbar werden.

Was hilft uns, uns getragen zu fühlen, und worauf können wir zurückgreifen, wenn dieser eine Mensch gerade nicht da sein kann?

Abschließender Gedanke

Die Angst, einen Menschen zu verlieren, kann Ihnen etwas davon zeigen, was Sie in seiner Nähe gefunden haben.

Vielleicht fühlen Sie sich mit diesem Menschen sicherer, lebendiger oder selbstverständlicher liebenswert. Wenn seine Zuwendung ungewiss wird, gerät deshalb manchmal mehr ins Wanken als die Beziehung allein.

Es kann Zeit brauchen, zu verstehen, was Sie daran so tief erschüttert: welche Befürchtungen zur gegenwärtigen Beziehung gehören, welche Sie schon länger begleiten und was Sie brauchen, um wieder Halt zu finden. Dabei dürfen Sie auch wahrnehmen, wie der andere Ihnen tatsächlich begegnet.

Wir müssen nicht unabhängig von Liebe werden. Doch vielleicht kann neben der Bedeutung dieses Menschen allmählich ein verlässlicheres Gefühl für uns selbst entstehen.

Dass du mir wichtig bist, darf bleiben. Und zugleich darf in meinem Leben mehr entstehen, das mich trägt.

Zur Themenwelt „Wenn Beziehungen schwierig werden“

Fachlich geprüft am 30. Oktober 2026 von Rahel Simmenauer, Psychologische Psychotherapeutin.