Der psychologische Wegweiser

Eigentlich ist alles gut, aber es fühlt sich nicht so an.

Mein äußeres Leben passt, doch innerlich fehlt etwas.

Es gibt vieles in Ihrem Leben, mit dem Sie zufrieden sein könnten. Beziehungen, Familie, Arbeit oder ein Alltag, der weitgehend so verläuft, wie Sie es sich vorgestellt haben. Von außen betrachtet scheint vieles zu stimmen. Und dennoch bleibt eine Unzufriedenheit, für die sich kein eindeutiger Grund finden lässt.

Gerade dieser Widerspruch kann schwer auszuhalten sein. Denn wenn es einem eigentlich gut gehen müsste, erscheint das eigene Unbehagen schnell unberechtigt. Man beginnt, die eigenen Gefühle infrage zu stellen, vergleicht sich mit anderen oder fragt sich, ob man undankbar ist.

So kann eine eigentümliche Situation entstehen: Man möchte nichts von dem, was man hat, unbedingt verlieren. Und doch ist da das Gefühl, dass etwas nicht ganz stimmt.

Wie lässt sich verstehen, dass ein Leben äußerlich stimmig erscheint und sich innerlich dennoch anders anfühlt?

Psychologische Perspektiven

Wenn das eigene Leben Erwartungen erfüllt

Viele Vorstellungen davon, wie ein gutes Leben aussehen sollte, entwickeln wir lange bevor wir selbst darüber nachdenken. Wir übernehmen Bilder von Erfolg, Beziehungen, Familie oder Sicherheit aus unserem Umfeld. Sie geben Orientierung und können uns helfen, eigene Ziele zu entwickeln.

Der Psychoanalytiker Erich Fromm beschäftigte sich in Haben oder Sein (1976) mit der Frage, wie sehr Menschen ihr Leben an Besitz, Leistung und gesellschaftlich anerkannten Vorstellungen von Erfolg ausrichten. Er unterschied zwischen einer Lebensweise, die sich vor allem über das Erreichte definiert, und einer, in der das eigene Erleben und die Beziehung zur Welt im Vordergrund stehen.

Ein Leben kann deshalb vieles von dem erfüllen, was wir uns vorgenommen haben, ohne dass sich die erwartete Zufriedenheit einstellt. Nicht unbedingt, weil unsere Entscheidungen falsch waren, sondern weil das Erreichen eines Ziels und das Erleben von Erfüllung zwei unterschiedliche Dinge sind.

Welche Vorstellungen von einem gelungenen Leben habe ich übernommen, ohne mich je zu fragen, ob sie tatsächlich meine eigenen sind?

Wenn Dankbarkeit zur Verpflichtung wird

Wer vieles hat, das andere sich wünschen, fühlt sich mit der eigenen Unzufriedenheit häufig unwohl. Es entsteht der Gedanke, man habe keinen Grund, sich zu beklagen. Statt das eigene Erleben ernst zu nehmen, versucht man, es mit dem Hinweis auf die guten Lebensumstände zu korrigieren.

Melanie Klein beschrieb in Neid und Dankbarkeit (1957) Dankbarkeit als eng verbunden mit der Fähigkeit, Gutes annehmen und genießen zu können. Dankbarkeit ist bei ihr keine Pflicht, sondern Ausdruck einer inneren Erfahrung, in der auch Enttäuschung Platz haben kann, ohne das Gute zu zerstören. Eine Dankbarkeit, die wir uns abverlangen, um unzufriedene Gefühle nicht spüren zu müssen, ist etwas anderes.

Schwierig wird es, wenn Dankbarkeit zur Forderung an uns selbst wird. Dann scheint Unzufriedenheit etwas zu sein, das wir uns nicht erlauben dürfen. Dabei schließen Wertschätzung und der Wunsch nach Veränderung einander nicht aus.

Kann ich anerkennen, was in meinem Leben gut ist, und zugleich ernst nehmen, was mir darin fehlt?

Wenn eigene Wünsche schwer zu erkennen sind

Wir wissen häufig recht genau, was wir erreichen möchten. Weniger eindeutig ist manchmal, warum wir es möchten. Hinter bewussten Entscheidungen können unterschiedliche Bedürfnisse stehen, die sich nicht immer miteinander vereinbaren lassen.

Der Psychoanalytiker Christopher Bollas beschäftigte sich in The Shadow of the Object (1987) mit der Frage, wie frühe Beziehungserfahrungen unsere späteren Vorlieben, Entscheidungen und Formen des Erlebens prägen können, ohne dass uns diese Zusammenhänge bewusst sind.

So können wir uns nach Sicherheit sehnen und zugleich mehr Freiheit wünschen. Wir können uns für ein bestimmtes Leben entscheiden und dennoch Seiten an uns entdecken, die darin kaum Platz finden. Solche Widersprüche bedeuten nicht zwangsläufig, dass wir uns falsch entschieden haben.

Gibt es Wünsche, die ich mir nur schwer eingestehe, weil sie nicht zu dem Leben passen, für das ich mich entschieden habe?

Wenn sich etwas verändert hat

Nicht jede Unzufriedenheit weist darauf hin, dass von Anfang an etwas gefehlt hat. Was uns früher Sicherheit, Orientierung oder Erfüllung gegeben hat, kann im Laufe unseres Lebens eine andere Bedeutung bekommen. Wir verändern uns, auch wenn unsere äußeren Lebensumstände weitgehend gleich bleiben.

Der Psychoanalytiker Erik H. Erikson beschrieb in Identity and the Life Cycle (1959; deutsch Identität und Lebenszyklus), dass die Entwicklung unserer Identität nicht mit dem Erwachsenwerden abgeschlossen ist. In unterschiedlichen Lebensphasen begegnen wir neuen inneren und zwischenmenschlichen Aufgaben, die unser Selbstverständnis verändern können.

Eine Lebensentscheidung kann deshalb zu einem früheren Zeitpunkt stimmig gewesen sein und sich später anders anfühlen. Das muss nicht bedeuten, dass sie ein Fehler war. Es kann auch Ausdruck einer Entwicklung sein, für die wir noch keine Worte gefunden haben.

Was hat sich in mir verändert, während mein Leben äußerlich weitgehend gleich geblieben ist?

Was genau fühlt sich nicht richtig an?

Das Gefühl, mit dem eigenen Leben nicht ganz zufrieden zu sein, muss nicht bedeuten, dass das gesamte Leben infrage steht. Es kann einzelne Bereiche betreffen, während andere weiterhin als erfüllend erlebt werden.

Es macht einen Unterschied, ob wir uns in einer Beziehung nicht mehr wohlfühlen, uns im Beruf etwas fehlt oder ob sich eine schwerer zu beschreibende Unzufriedenheit durch unterschiedliche Lebensbereiche zieht.

Auch die Frage, wann dieses Gefühl auftritt, kann aufschlussreich sein. Ist es vor allem in bestimmten Situationen spürbar? Begleitet es uns auch in Momenten, die wir eigentlich genießen möchten? Oder verändert es sich, wenn wir Abstand vom Alltag gewinnen?

Solche Unterschiede können helfen, aus einem allgemeinen Gefühl des Unbehagens konkretere Fragen zu entwickeln. Nicht immer braucht es dafür eine grundlegende Veränderung der Lebensumstände.

Wenn die Unzufriedenheit jedoch über längere Zeit anhält, erheblichen Leidensdruck verursacht oder mit anhaltender Niedergeschlagenheit, Freudlosigkeit und anderen Beschwerden einhergeht, kann eine fachliche Abklärung sinnvoll sein.

Betrifft mein Unbehagen bestimmte Bereiche meines Lebens oder habe ich zunehmend das Gefühl, dass sich selbst die Dinge nicht mehr richtig anfühlen, die mir eigentlich wichtig sind?

Abschließender Gedanke

Ein Leben kann gut sein, ohne sich in jeder Hinsicht richtig anzufühlen.

Es ist möglich, die eigenen Entscheidungen nicht zu bereuen und dennoch etwas zu vermissen. Menschen zu lieben und zugleich unzufrieden zu sein. Das Erreichte wertzuschätzen, ohne darin alles zu finden, was man sich erhofft hat.

Solche Empfindungen müssen kein Urteil über das eigene Leben sein. Sie verlangen nicht zwangsläufig nach einer Entscheidung oder einer grundlegenden Veränderung.

Vielleicht geht es zunächst darum, sich selbst zuzugestehen, dass unterschiedliche Gefühle nebeneinander bestehen dürfen, auch wenn sie auf den ersten Blick nicht zusammenpassen.

Sie müssen Ihr Leben nicht schlecht finden, um ernst nehmen zu dürfen, was Ihnen darin fehlt.

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