Der psychologische Wegweiser
Ich fühle mich innerlich leer.
Es ist nicht unbedingt Traurigkeit. Eher das Gefühl, dass etwas in mir nicht erreichbar ist.
Nicht das, was wir fühlen, ist mitunter am schwersten, sondern das, was wir nicht mehr fühlen können.
Innere Leere kann sich wie ein Abstand zu sich selbst anfühlen. Man funktioniert, spricht mit anderen, erledigt seine Aufgaben und hat dennoch das Gefühl, innerlich kaum beteiligt zu sein.
Es kann eine Sehnsucht nach etwas entstehen, das sich nicht richtig benennen lässt. Oder die irritierende Erfahrung, dass selbst Dinge, die einem wichtig sind, kaum etwas auslösen.
Doch bedeutet innere Leere tatsächlich, dass keine Gefühle da sind? Oder könnte es sein, dass manches von dem, was wir empfinden, für uns selbst schwer zugänglich geworden ist?
Psychologische Perspektiven
Wenn Gefühle schwer erreichbar werden
Nicht alles, was wir erleben, können wir zu jedem Zeitpunkt auch fühlen. Besonders dann, wenn Gefühle über längere Zeit überwältigend, bedrohlich oder schwer auszuhalten waren, kann es geschehen, dass wir innerlich Abstand zu ihnen gewinnen.
Aus psychodynamischer Sicht kann ein solcher Abstand eine schützende Funktion haben. Was einmal geholfen hat, mit einer schwierigen Situation zurechtzukommen, kann jedoch später dazu führen, dass auch angenehme Gefühle weniger lebendig erlebt werden.
Die Psychoanalytikerin Anna Freud beschrieb, wie Menschen sich unbewusst vor inneren Konflikten und belastenden Gefühlen schützen können. Solche Abwehrvorgänge sind nicht grundsätzlich problematisch. Sie gehören zum menschlichen Erleben und können zeitweise sogar notwendig sein.
Es lohnt sich deshalb, nicht nur zu fragen, warum bestimmte Gefühle fehlen, sondern auch, unter welchen Umständen es einmal sinnvoll gewesen sein könnte, sie weniger deutlich wahrzunehmen.
Wenn die Verbindung zu sich selbst verloren geht
Unser Leben kann sich so sehr danach richten, was von uns erwartet wird, dass die Frage nach den eigenen Wünschen kaum noch Raum findet. Wir übernehmen Verantwortung, erfüllen Aufgaben, passen uns an und merken erst spät, dass wir nicht mehr genau wissen, was wir selbst eigentlich möchten.
Der Psychoanalytiker Donald Winnicott beschäftigte sich mit der Frage, wie Menschen ein Gefühl für ihr eigenes, lebendiges Selbst entwickeln. Er beschrieb, dass Anpassung an die Erwartungen anderer unter bestimmten Bedingungen so bestimmend werden kann, dass spontane Wünsche und persönliche Bedürfnisse zunehmend in den Hintergrund treten.
Dabei muss Anpassung keineswegs etwas Schlechtes sein. Sie ermöglicht Zusammenleben und Beziehungen. Schwieriger kann es werden, wenn wir kaum noch unterscheiden können, was wir aus eigenem Antrieb tun und was vor allem deshalb, weil wir glauben, es tun zu müssen.
Daraus ergibt sich eine ungewohnte Frage: Wann habe ich zuletzt etwas getan, nicht weil es sinnvoll, notwendig oder erwünscht war, sondern einfach, weil ich es selbst wollte? Weil es mein eigenes Bedürfnis war?
Wenn Beziehungen die Leere nicht erreichen
Man kann Menschen um sich haben, geliebt werden und sich dennoch innerlich allein fühlen. Was fehlt, ist nicht unbedingt die Nähe selbst, sondern das Gefühl, mit dem eigenen Erleben wirklich bei einem anderen Menschen anzukommen. In Verbindung zu sein.
Die Psychoanalytikerin Jessica Benjamin beschäftigte sich mit der Bedeutung wechselseitiger Anerkennung in Beziehungen. Ihre Überlegungen machen deutlich, wie wichtig es sein kann, nicht nur als jemand wahrgenommen zu werden, der bestimmte Aufgaben erfüllt oder Erwartungen entspricht, sondern als eigenständiger Mensch mit einer eigenen inneren Welt.
Doch auch wenn andere uns verstehen möchten, gelingt es nicht immer, sich ihnen zu zeigen. Es gibt Gefühle, für die wir selbst noch keine Worte gefunden haben. Oder Erfahrungen, in denen bestimmte Seiten von uns wenig Raum bekamen oder auf Unverständnis stießen. Dann kann es schwierig werden, Nähe nicht nur zuzulassen, sondern auch als solche zu erleben.
Gibt es Menschen, bei denen ich mich wirklich zeigen kann, auch mit dem, was widersprüchlich, unsicher oder schwer auszusprechen ist?
Wenn etwas verloren gegangen ist
Nicht jeder Verlust ist auf den ersten Blick als solcher zu erkennen. Wir können einen Menschen, eine Beziehung oder einen vertrauten Lebenszusammenhang verlieren. Doch auch von etwas, das nie Wirklichkeit geworden ist, müssen wir uns mitunter verabschieden: einer Hoffnung, einer Vorstellung davon, wie unser Leben einmal aussehen würde, oder einer Zukunft, die wir uns für uns selbst gewünscht haben.
Sigmund Freud unterschied in Trauer und Melancholie (1917) zwischen bewusster Trauer und Formen melancholischen Erlebens, bei denen die Bedeutung des Verlustes teilweise unbewusst bleibt. Für die Melancholie beschrieb er, dass ein Mensch wissen kann, wen er verloren hat, ohne zu erkennen, was er an dieser Person verloren hat. Auch über diesen theoretischen Zusammenhang hinaus kann die Frage hilfreich sein, welche Sicherheit, Hoffnungen oder Zukunftsvorstellungen mit einem Verlust verbunden waren.
Innere Leere kann sich dort zeigen, wo etwas zu Ende gegangen ist, für das wir noch keinen wirklichen Abschied gefunden haben. Nicht unbedingt, weil wir den Verlust verdrängen, sondern weil wir selbst noch nicht ganz begreifen, was er für uns bedeutet.
Gibt es etwas in meinem Leben, von dem ich mich verabschieden musste, ohne wirklich wahrgenommen zu haben, wie viel es mir bedeutet hat? Oder etwas, das ich mir lange gewünscht habe und dessen Ausbleiben ich nie als Verlust betrachtet habe?
Wann verdient innere Leere besondere Aufmerksamkeit?
Innere Leere ist nicht automatisch ein Zeichen einer psychischen Erkrankung. Sie kann vorübergehend auftreten, etwa in belastenden Lebensphasen, und wieder nachlassen. Sie kann jedoch auch bestehen bleiben oder zunehmend Raum im eigenen Leben einnehmen.
Für die Einordnung ist nicht nur wichtig, wie sich die Leere anfühlt, sondern auch, wie sie sich entwickelt. Gibt es noch Momente, in denen Freude, Interesse oder Verbundenheit spürbar werden? Oder erscheint inzwischen fast alles gleichgültig? Haben sich Schlaf, Antrieb, Konzentration oder die Fähigkeit verändert, den Alltag zu bewältigen?
Anhaltende innere Leere kann mit unterschiedlichen psychischen oder körperlichen Erkrankungen zusammenhängen. Bei einer Depression können beispielsweise ausgeprägter Interessenverlust und Freudlosigkeit auftreten. Auch dissoziative Zustände können das Gefühl hervorrufen, von den eigenen Empfindungen entfernt zu sein. Das Erleben allein erlaubt jedoch keine Diagnose.
Wenn die Leere über längere Zeit anhält, zunehmend belastet oder das Leben einschränkt, kann eine fachliche Abklärung hilfreich sein. Dafür muss man nicht erst völlig erschöpft sein oder seinen Alltag nicht mehr bewältigen können.
Neben der Frage, woher dieses Gefühl kommt, ist deshalb auch wichtig, wie sehr es das eigene Leben inzwischen beeinflusst.
Abschließender Gedanke
Vielleicht ist die Frage nicht nur, was uns fehlt, sondern auch, wie wir mit diesem Gefühl umgehen.
Innere Leere kann verunsichern. Sie kann den Wunsch wecken, möglichst schnell wieder etwas zu empfinden, eine Erklärung zu finden oder den Zustand zu verändern. Doch es kann hilfreich sein, zunächst wahrzunehmen, was in uns vorgeht, ohne es gleich bewerten zu müssen.
Haben Sie beim Lesen etwas wiedererkannt? Ist Ihnen eine neue Möglichkeit begegnet, Ihr Erleben zu verstehen? Oder sind Fragen entstanden, auf die Sie noch keine Antwort haben?
Auch das kann ein Anfang sein.
