Der psychologische Wegweiser
Nichts macht mir mehr richtig Freude.
Ich erinnere mich daran, wie sehr ich mich auf bestimmte Dinge gefreut habe. Aber das Gefühl stellt sich nicht mehr ein.
Sie treffen Menschen, die Ihnen wichtig sind, gehen Ihren Interessen nach oder unternehmen etwas, das Ihnen früher Freude gemacht hat. Eigentlich wissen Sie noch, was Sie daran mögen. Und doch fühlt es sich anders an als früher.
Das kann eine eigentümliche Erfahrung sein. Denn es ist nicht unbedingt so, dass Ihnen diese Dinge gleichgültig geworden sind. Sie können Ihnen weiterhin wichtig sein, ohne dass sich die vertraute Freude einstellt.
Besonders irritierend ist dieser Unterschied, wenn es keinen erkennbaren Anlass dafür gibt. Die Umstände sind ähnlich geblieben, aber das eigene Erleben hat sich verändert.
Was geschieht, wenn wir etwas weiterhin mögen, uns daran erinnern, wie schön es einmal war, und dennoch kaum noch Freude daran empfinden? Und was könnte hinter dieser Veränderung stehen?
Psychologische Perspektiven
Wenn das Leben nur noch aus Anforderungen besteht
Es gibt Lebensphasen, in denen wir so sehr damit beschäftigt sind, alles zu bewältigen, dass kaum noch Raum bleibt, etwas wirklich zu genießen. Wir arbeiten, organisieren, kümmern uns und erledigen, was notwendig ist. Selbst freie Zeit wird dann häufig zu etwas, das wir sinnvoll nutzen oder möglichst gut gestalten möchten.
Die Psychoanalytikerin Joyce McDougall beschäftigte sich mit Menschen, die nach außen gut angepasst und leistungsfähig erscheinen, während ihr inneres Erleben wenig Raum bekommt. In ihrem Werk Plädoyer für eine gewisse Anormalität hinterfragte sie die Vorstellung, dass ein möglichst reibungsloses Funktionieren bereits Ausdruck psychischer Gesundheit sei. Eine weitreichende Anpassung an äußere Anforderungen kann auch mit einer Verarmung des eigenen emotionalen Lebens einhergehen.
Das bedeutet nicht, dass Anforderungen grundsätzlich schädlich sind. Arbeit und Verantwortung können erfüllend sein und Struktur geben. Doch wenn sich das Leben zunehmend darauf beschränkt, Erwartungen zu erfüllen, stellt sich die Frage, wo noch Platz für Erfahrungen bleibt, die keinem bestimmten Zweck dienen müssen.
Wann habe ich zuletzt etwas getan, ohne dass es sinnvoll sein, gelingen oder mir etwas bringen musste?
Wenn Freude nicht mehr von selbst entsteht
Freude ist nicht nur eine Reaktion auf etwas Schönes. Sie hat auch damit zu tun, ob wir uns auf eine Erfahrung einlassen können, ohne bereits zu wissen, was daraus entstehen soll. Ein Gespräch, ein Spaziergang oder eine unerwartete Begegnung können uns berühren, gerade weil wir sie nicht vollständig planen.
Der Psychoanalytiker Donald Winnicott beschäftigte sich in Vom Spiel zur Kreativität (englisches Original Playing and Reality, 1971; deutsche Erstausgabe 1973) mit der Bedeutung des Spielens und schöpferischen Erlebens. Dabei verstand er Kreativität nicht nur als künstlerische Fähigkeit, sondern als eine lebendige Art, der Welt zu begegnen.
Wenn dieser spielerische Zugang zum Leben in den Hintergrund tritt, können selbst schöne Erfahrungen eigentümlich gleichförmig wirken. Es geht dann nicht unbedingt darum, mehr zu unternehmen, sondern um die Frage, wie wir dem begegnen, was wir bereits erleben.
Gibt es in meinem Leben noch Raum für etwas, dessen Ausgang offen ist und das einfach aus Freude an der Erfahrung entstehen darf?
Wenn das Vertraute seine Bedeutung verändert
Was uns früher begeistert hat, muss nicht für immer dieselbe Bedeutung behalten. Interessen verändern sich, Ziele verlieren an Anziehungskraft, und Vorstellungen von einem erfüllten Leben entwickeln sich weiter. Dennoch halten wir häufig an dem fest, was uns einmal wichtig war.
Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt in Resonanz (2016), dass die Qualität unseres Lebens nicht allein davon abhängt, was wir besitzen, erreichen oder erleben. Entscheidend sei auch, ob wir uns von der Welt angesprochen fühlen und eine lebendige Beziehung zu ihr erfahren.
Aus dieser Perspektive lässt sich fragen, ob wir manchmal versuchen, Freude an Dingen wiederzufinden, zu denen sich unsere Beziehung längst verändert hat. Nicht alles, was einmal erfüllend war, muss es weiterhin sein.
Was in meinem Leben ist mir heute noch wichtig, weil es mich tatsächlich berührt, und woran halte ich vor allem fest, weil es früher einmal so war?
Wenn Glücklichsein zur Erwartung wird
Wir leben mit zahlreichen Vorstellungen davon, wie sich ein gutes Leben anfühlen sollte. Ein schöner Urlaub soll glücklich machen, gemeinsame Zeit soll erfüllen, und wer vieles erreicht hat, sollte eigentlich zufrieden sein. Bleibt dieses Gefühl aus, entsteht leicht der Eindruck, mit uns selbst stimme etwas nicht.
Der Psychoanalytiker Adam Phillips beschäftigt sich in seinem Buch Missing Out: In Praise of the Unlived Life (2012) mit der Spannung zwischen dem Leben, das wir tatsächlich führen, und dem, das wir uns vorstellen oder wünschen. Unsere Erwartungen an ein erfülltes Leben können zu einem Maßstab werden, an dem die eigene Wirklichkeit immer wieder unzureichend erscheint.
So kann selbst ein schöner Moment von der Frage begleitet sein, ob er schön genug ist. Statt wahrzunehmen, was wir tatsächlich empfinden, vergleichen wir unser Erleben mit dem, was wir glauben empfinden zu müssen. Zur ausbleibenden Freude kommt dann die Enttäuschung über uns selbst hinzu.
Wie würde ich einen Tag erleben, wenn ich nicht ständig überprüfen würde, ob er mich glücklich macht?
Wenn Freude, Interesse und Antrieb nachlassen
Nicht jede Erfahrung fehlender Freude fühlt sich gleich an. Manche Menschen haben weiterhin Interesse an bestimmten Dingen, erleben aber kaum noch Freude, wenn sie ihnen nachgehen. Andere spüren bereits im Vorfeld wenig Lust, überhaupt etwas zu unternehmen. Wieder andere würden gerne aktiv werden, finden jedoch kaum die nötige Energie.
Diese Unterschiede können helfen, das eigene Erleben genauer zu beschreiben. Es macht einen Unterschied, ob uns etwas nicht mehr interessiert, ob wir uns nicht darauf freuen können oder ob die Freude ausbleibt, obwohl wir mitten in einer eigentlich angenehmen Erfahrung sind.
In der Psychologie und Psychiatrie wird eine deutlich verminderte Fähigkeit, Freude zu empfinden, als Anhedonie bezeichnet. Sie kann bei depressiven Erkrankungen auftreten, ist für sich genommen jedoch keine Diagnose. Auch Erschöpfung, anhaltender Stress, körperliche Erkrankungen oder Medikamente können das Erleben von Freude und Motivation beeinflussen.
Wenn solche Veränderungen über längere Zeit bestehen, zunehmend belasten oder mit weiteren Beschwerden einhergehen, ist eine fachliche Abklärung sinnvoll.
Was trifft auf mich eher zu: Dass ich mich auf kaum noch etwas freue? Dass ich selbst schöne Momente nicht mehr genießen kann? Oder dass mir die Kraft fehlt, überhaupt etwas zu unternehmen?
Abschließender Gedanke
Wir können entscheiden, was wir unternehmen. Aber nicht immer, was wir dabei empfinden.
Es kann schmerzlich sein, wenn etwas, das uns früher Freude gemacht hat, seine vertraute Wirkung verliert. Besonders dann, wenn wir uns gut daran erinnern, wie anders es einmal war.
Doch Freude ist nichts, das wir auf Abruf herstellen können. Ihr Ausbleiben sagt weder etwas über unseren Wert aus noch darüber, ob wir uns ausreichend bemühen.
Was wir empfinden, lässt sich nicht immer unmittelbar verändern. Aber wir können beginnen, genauer hinzusehen, ohne uns dafür zu verurteilen.
Vielleicht beginnt damit nicht sofort die Freude zurückzukehren. Aber ein anderer Umgang mit ihrem Fehlen.
