Der psychologische Wegweiser
Ich habe das Gefühl, mich selbst verloren zu haben.
Mein Leben geht weiter wie bisher. Aber ich erkenne mich darin immer weniger wieder.
Sie gehen Ihrem Alltag nach, treffen Entscheidungen, übernehmen Verantwortung und tun vieles von dem, was schon lange zu Ihrem Leben gehört. Nach außen hat sich möglicherweise wenig verändert. Und dennoch ist Ihnen das Gefühl, ganz Sie selbst zu sein, auf eigentümliche Weise fremd geworden.
Vielleicht gibt es Augenblicke, in denen Sie sich fragen, wann sich dieses Gefühl verändert hat. Sie erinnern sich daran, wie selbstverständlich Sie früher bestimmte Dinge getan oder empfunden haben. Heute fällt es Ihnen schwerer, sich darin wiederzuerkennen.
Besonders irritierend kann sein, dass Sie Ihr Leben nicht unbedingt als unglücklich erleben. Vieles ist vertraut, manches schätzen Sie nach wie vor. Und doch ist eine Distanz zu sich selbst entstanden, die sich nicht ohne Weiteres erklären lässt.
Wie kommt es, dass wir uns selbst fremd werden können, obwohl uns unser eigenes Leben weiterhin vertraut ist?
Psychologische Perspektiven
Wenn Anpassung viel Raum einnimmt
Wir bewegen uns täglich zwischen unterschiedlichen Erwartungen. Im Beruf sollen wir zuverlässig sein, in Beziehungen aufmerksam, in der Familie verantwortungsvoll. Dabei entwickeln wir Fähigkeiten, die uns helfen, mit anderen zusammenzuleben und unseren Alltag zu gestalten.
Die Psychoanalytikerin Karen Horney beschäftigte sich in Neurosis and Human Growth (1950) damit, wie Menschen unter dem Einfluss innerer und äußerer Erwartungen ein idealisiertes Bild ihrer selbst entwickeln können. Je stärker sie versuchen, diesem Bild zu entsprechen, desto schwieriger kann es werden, die eigenen Empfindungen und Bedürfnisse als etwas Eigenständiges wahrzunehmen.
Anpassung ist dabei nicht grundsätzlich problematisch. Sie ermöglicht Beziehungen und gesellschaftliches Zusammenleben. Doch wenn wir über lange Zeit vor allem darauf achten, wer wir sein sollten, kann die Frage in den Hintergrund treten, wie wir uns selbst tatsächlich erleben.
Gibt es Eigenschaften oder Verhaltensweisen, die ich von mir erwarte, obwohl sie sich längst nicht mehr wie ein Teil von mir anfühlen?
Wenn vertraute Rollen nicht mehr passen
Wir beschreiben uns häufig über die Rollen, die wir in unserem Leben einnehmen: als Partnerin oder Partner, Elternteil, berufstätiger Mensch, Freund oder Freundin. Solche Rollen geben Orientierung. Sie vermitteln Zugehörigkeit und helfen uns, ein Bild davon zu entwickeln, wer wir sind.
Rollen entstehen nicht nur aus eigenen Entscheidungen. Sie werden auch durch Beziehungen, familiäre Erwartungen und gesellschaftliche Vorstellungen geprägt, etwa davon, was eine gute Mutter, ein verlässlicher Partner oder ein erfolgreicher Mensch ist. Je selbstverständlicher eine Rolle geworden ist, desto schwerer lässt sich manchmal unterscheiden, welche Seiten davon wirklich zu uns gehören.
Eine Rolle kann uns lange entsprechen und später dennoch zu eng werden. Wir erfüllen weiterhin die damit verbundenen Aufgaben, während sich unser Verhältnis zu ihnen verändert. Das kann verunsichern, besonders wenn andere Menschen uns nach wie vor so sehen, wie sie uns schon lange kennen.
In welchen Rollen erkenne ich mich noch wieder und welche beschreiben vor allem, wer ich einmal war oder für andere sein soll?
Wenn Entscheidungen schwerfallen
Manche Entscheidungen sind schwierig, weil ihre Folgen ungewiss sind. Andere werden gerade deshalb belastend, weil wir nicht mehr sicher wissen, woran wir uns bei ihnen orientieren sollen. Was früher selbstverständlich erschien, fühlt sich plötzlich weniger eindeutig an.
Der Psychoanalytiker Heinz Lichtenstein beschäftigte sich in The Dilemma of Human Identity (1977) mit der Frage, wie Menschen ein Gefühl von persönlicher Identität entwickeln und über Veränderungen hinweg bewahren. Er ging davon aus, dass unser Selbstverständnis von grundlegenden, häufig unbewussten Vorstellungen darüber geprägt ist, wer wir sind.
Aus dieser Perspektive können Entscheidungen auch deshalb schwerfallen, weil sie unser vertrautes Bild von uns selbst berühren. Eine Möglichkeit mag uns anziehen und zugleich nicht zu der Person passen, für die wir uns bisher gehalten haben. Dann geht es nicht nur darum, was wir tun möchten, sondern auch darum, ob wir uns erlauben können, anders zu sein als bisher.
Welche Möglichkeit fällt mir schwer in Betracht zu ziehen, weil sie nicht zu meinem bisherigen Bild von mir selbst passt?
Wenn eine neue Lebensphase beginnt
Es gibt Zeiten, in denen sich unser Leben verändert, ohne dass wir schon wissen, wer wir innerhalb dieser Veränderung sein werden. Kinder werden selbstständiger, berufliche Ziele verlieren an Bedeutung, Beziehungen entwickeln sich weiter oder bisherige Zukunftsvorstellungen verändern sich.
Der Psychoanalytiker Elliott Jaques beschrieb in Death and the Mid-Life Crisis (1965), dass die Lebensmitte eine Zeit tiefgreifender innerer Umorientierung sein kann. Wenn spürbar wird, dass nicht mehr alles möglich ist und die eigene Lebenszeit begrenzt ist, geraten vertraute Vorstellungen von sich selbst in Bewegung. Jaques verstand diese Krise nicht nur als Verlust, sondern auch als Möglichkeit, das eigene Leben bewusster zu gestalten.
Im Erwachsenenleben kann eine neue Lebensphase vertraute Antworten auf die Frage erschüttern, wer wir sind. Was bisher Orientierung gegeben hat, trägt möglicherweise nicht mehr in derselben Weise. Daraus muss nicht unmittelbar eine neue, klare Vorstellung von sich selbst entstehen.
Welche Vorstellung davon, wer ich bin, könnte ich gerade hinter mir lassen, ohne schon zu wissen, was an ihre Stelle tritt?
Sich selbst kennen und sich selbst spüren
Wenn wir gefragt werden, wer wir sind, können wir meist einiges über uns erzählen. Wir kennen unsere Lebensgeschichte, unsere Eigenschaften, unsere Interessen und die Entscheidungen, die uns geprägt haben.
Doch sich selbst zu kennen, ist nicht immer dasselbe, wie sich selbst zu spüren.
Es gibt Zeiten, in denen wir genau wissen, was wir normalerweise mögen, was uns wichtig ist und wie wir uns in bestimmten Situationen verhalten. Trotzdem fühlen sich diese Dinge nicht mehr selbstverständlich nach uns selbst an.
Dabei kann es hilfreich sein, zwischen dem eigenen Selbstbild und dem unmittelbaren Erleben zu unterscheiden. Unser Selbstbild umfasst die Vorstellungen, die wir über uns entwickelt haben. Unser Selbsterleben beschreibt dagegen, wie wir uns im gegenwärtigen Augenblick wahrnehmen: ob wir uns mit unseren Empfindungen, Gedanken und Handlungen verbunden fühlen.
Beides muss nicht immer übereinstimmen. Wir können uns verändern, ohne dass unser bisheriges Bild von uns bereits mitgewachsen ist. Ebenso können wir über längere Zeit so handeln, wie wir es von uns gewohnt sind, während uns der persönliche Bezug dazu zunehmend verloren geht.
Wann fühle ich mich mir selbst besonders nah – nicht weil ich eine bestimmte Vorstellung von mir erfülle, sondern weil sich das, was ich tue und empfinde, tatsächlich nach mir anfühlt?
Abschließender Gedanke
Wer wir einmal waren, muss nicht bestimmen, wer wir heute sein dürfen.
Wenn wir das Gefühl haben, uns selbst verloren zu haben, entsteht häufig der Wunsch, zu etwas Vertrautem zurückzukehren. Zu einer Zeit, in der wir klarer wussten, was wir wollten, was uns wichtig war und wer wir zu sein glaubten.
Doch wir bleiben nicht dieselben Menschen. Erfahrungen verändern uns, Beziehungen hinterlassen Spuren, und manches, das früher selbstverständlich zu uns gehörte, verliert mit der Zeit seine Bedeutung.
Das bedeutet nicht, dass wir alles hinter uns lassen müssen, was uns einmal ausgemacht hat. Ebenso wenig müssen wir bereits wissen, wer wir stattdessen sein möchten.
Vielleicht geht es nicht darum, wieder die Person zu werden, die wir einmal waren, sondern darum, uns selbst in dem Menschen wiederzufinden, der wir heute sind.
