Wenn das eigene Kind alte Türen öffnet
Über die eigene Kindheit, unerwartete Gefühle und die Beziehung zu einem Menschen, den wir erst kennenlernen müssen.
Nach Wochen, in denen sich das Leben überwiegend in den eigenen vier Wänden abgespielt hat, wagen die Eltern einen ersten gemeinsamen Cafébesuch mit ihrem Säugling. Ein bisschen Normalität soll zurückkehren. Doch dann passiert genau das, was sie befürchtet haben. Das Baby beginnt zu weinen und lässt sich nicht beruhigen. Die Eltern versuchen alles. Sie füttern es, wechseln die Windel, nehmen es auf den Arm, tragen es umher.
Mit jeder Minute wächst die Unsicherheit. Die Gespräche an den Nachbartischen scheinen leiser zu werden. Da sind Blicke, vielleicht auch nur vermeintliche. Was denken die anderen? Warum bekomme ich mein eigenes Kind nicht beruhigt? Bestimmt halten sie mich für völlig unfähig. Das Weinen des Kindes wird immer schwerer auszuhalten. Die Anspannung steigt, Scham kommt hinzu. Am liebsten würden die Eltern einfach verschwinden. Was als kleiner Ausflug in den Alltag gedacht war, fühlt sich plötzlich wie ein einziges Scheitern an.
Aber was passiert hier eigentlich?
Da ist ein Säugling, der weint und etwas zum Ausdruck bringt, das seine Eltern noch nicht verstehen. Und da sind Eltern, die zunehmend von ihren eigenen Gefühlen überwältigt werden. Vielleicht ist es längst nicht mehr nur das Weinen des Kindes, das sie so verzweifelt macht, sondern auch das Gefühl, beobachtet, bewertet und für unzulänglich gehalten zu werden. In diesem Moment begegnen sich nicht nur die Bedürfnisse eines Säuglings und die Bemühungen seiner Eltern. Möglicherweise werden auch Erfahrungen berührt, die viel älter sind als diese Situation.
Wenn die eigene Geschichte wieder spürbar wird
Unsere frühen Beziehungserfahrungen prägen, wie wir uns selbst und andere Menschen erleben. Ob wir uns sicher fühlen können, wie wir mit Enttäuschungen umgehen oder ob es uns gelingt, in schwierigen Momenten innerlich Halt zu finden, hängt auch damit zusammen, welche Erfahrungen wir selbst als Kinder gemacht haben. Gab es in unserer Kindheit wenig Raum für Wut? Mussten wir früh lernen, uns zusammenzureißen, nicht zu viel zu verlangen oder mit unserer Traurigkeit allein zurechtzukommen? Manche Menschen entwickeln daraus eine große Selbstständigkeit.
Doch mit einem eigenen Kind entsteht eine besondere Situation. Ein Säugling kann seine Gefühle noch nicht in Worte fassen. Er bringt sie unmittelbar zum Ausdruck. Er weint, schreit, sucht Nähe, wendet sich ab oder lässt sich manchmal nur schwer beruhigen. Seine Gefühle lassen sich nicht auf einen günstigeren Zeitpunkt verschieben.
Und plötzlich begegnen manche Eltern einer emotionalen Intensität, für die sie selbst wenig innere Orientierung entwickelt haben. Wer beispielsweise als Kind kaum erfahren hat, dass Wut oder Verzweiflung von einem zugewandten Gegenüber ausgehalten werden können, erlebt die heftigen Gefühle des eigenen Kindes vielleicht als besonders bedrohlich. Es entsteht der dringende Wunsch, das Weinen sofort zu beenden, jede Enttäuschung zu verhindern oder die Situation möglichst schnell wieder unter Kontrolle zu bekommen. Nicht unbedingt, weil das Kind diese unmittelbare Lösung braucht. Sondern manchmal auch, weil das Gefühl für die Eltern selbst kaum auszuhalten ist.
Hier öffnet sich eine alte Tür.
„Bei meinem Kind soll es anders werden“
Manche dieser Türen kennen wir gut, und wir haben uns fest vorgenommen, sie geschlossen zu halten. Viele Menschen beschäftigen sich bereits vor der Geburt ihres Kindes mit der eigenen Kindheit. Sie wissen vielleicht ziemlich genau, was sie selbst vermisst haben und was sie ihrem Kind unbedingt ermöglichen möchten.
Wer in einem strengen Elternhaus aufgewachsen ist, möchte seinem Kind vielleicht besonders viel Freiheit geben. Wer wenig Trost erfahren hat, möchte immer verfügbar sein. Und wer sich als Kind häufig unverstanden fühlte, nimmt sich vor, die Gefühle des eigenen Kindes niemals infrage zu stellen. Darin liegt zunächst etwas sehr Wertvolles: der Wunsch, die eigene Geschichte zu reflektieren und neue Erfahrungen möglich zu machen.
Doch manchmal entsteht gerade daraus eine Schwierigkeit. Ein Vater, der sich als Kind häufig allein gefühlt hat, möchte vielleicht jede Trennung vermeiden. Und Eltern, deren Gefühle früher wenig Beachtung fanden, versuchen womöglich, jede Unzufriedenheit ihres Kindes sofort aufzulösen. Aus dem verständlichen Wunsch, etwas anders zu machen, kann so eine neue Form der Unfreiheit entstehen.
Denn auch das Gegenteil der eigenen Kindheit muss nicht unbedingt dem entsprechen, was das eigene Kind gerade braucht. Ein Kind darf allmählich die Erfahrung machen, dass unangenehme Gefühle vorübergehen können, ohne dass die Beziehung dadurch gefährdet ist. Das bedeutet nicht, dass ein Säugling sich selbst überlassen werden sollte. Im Gegenteil: Gerade in den ersten Lebensmonaten ist er auf feinfühlige Unterstützung angewiesen. Doch zwischen dem Alleinlassen eines Kindes und dem Versuch, ihm jede kleine Schwierigkeit abzunehmen, liegt ein großer Raum.
Warum es keine perfekten Eltern braucht
Gerade in den ersten Lebensjahren entsteht bei vielen Eltern ein großer Druck, möglichst alles richtig machen zu wollen. Jedes Bedürfnis soll erkannt, jedes Weinen verstanden und jede schwierige Situation möglichst gut begleitet werden. Doch eine Beziehung besteht nicht aus einer ununterbrochenen Abfolge gelungener Momente.
Der Psychoanalytiker und Kinderarzt Donald W. Winnicott prägte das Konzept der ausreichend guten Mutter (good enough mother). Dahinter steht der Gedanke, dass ein Kind keine perfekte Bezugsperson benötigt, sondern eine, die ausreichend verlässlich und zugewandt ist. Winnicott sprach von der Mutter; der Gedanke gilt für jede nahe Bezugsperson. Am Anfang stellt sie sich fast vollständig auf ihr Kind ein. Mit der Zeit darf diese Anpassung weniger vollständig werden, in dem Maß, in dem das Kind kleine Lücken auszuhalten lernt. Gerade daran kann es wachsen.
Ein Kind zu lieben und gleichzeitig von seinen Bedürfnissen überfordert zu sein, schließt sich nicht aus. Auch die Sehnsucht nach Ruhe, obwohl man sich dieses Kind so sehr gewünscht hat, gehört dazu. Oder das Gefühl, dass das eigene Kind manchmal fremd erscheint.
Es wird Momente geben, in denen Eltern die Bedürfnisse ihres Kindes falsch verstehen. In denen sie erschöpft, ungeduldig oder mit den eigenen Gefühlen beschäftigt sind. Manchmal gelingt es nicht, unmittelbar in einen guten Kontakt zu finden. Entscheidend ist nicht, dass solche Momente niemals vorkommen. Viel wichtiger ist, dass die Beziehung grundsätzlich Sicherheit vermittelt und dass es immer wieder möglich wird, zueinanderzufinden. Dafür kann es helfen, schambesetzte Momente nicht zu verdrängen, sondern sich selbst gegenüber eine verzeihende Haltung einzunehmen. Eine Haltung, in der Raum entsteht, nachzudenken und zu fühlen. In der es nicht um richtig und falsch geht, sondern um Beziehung und Kontakt.
Wenn wir beginnen, zwischen uns und unserem Kind zu unterscheiden
Wo nicht jeder schwierige Moment gleich ein Beweis des Scheiterns ist, wird es möglich, genauer hinzuschauen. Wir begegnen einem Menschen, der uns emotional sehr nahe ist, von uns abhängig ist und uns zugleich immer wieder mit Gefühlen konfrontiert, die wir nicht kontrollieren können. Dabei können alte Erfahrungen von Hilflosigkeit, Verlassenheit oder Überforderung berührt werden. Nicht immer erkennen wir unmittelbar, dass diese Gefühle möglicherweise mehr mit unserer eigenen Geschichte zu tun haben als mit der aktuellen Situation.
Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte kann helfen, solche Zusammenhänge allmählich besser zu verstehen. Nicht, um für jede Reaktion eine Erklärung in der Vergangenheit zu finden. Und schon gar nicht, um Eltern für ihre Schwierigkeiten verantwortlich zu machen. Sondern um einen Unterschied wahrnehmen zu können:
Was erlebt mein Kind gerade? Und was wird dabei in mir selbst berührt?
Diese Unterscheidung kann neue Möglichkeiten eröffnen. Derselbe Nachmittag im Café sähe dann von außen nicht unbedingt anders aus. Das Baby weint genauso lange. Die Blicke von den Nachbartischen sind noch da. Aber neben der Frage, was die anderen denken, findet eine zweite Platz: Was ist das gerade für mein Kind, und was ist es für mich? Das Kind ist vielleicht müde und überreizt von Lärm und Licht. Sein Weinen ist vielleicht Ausdruck davon, dass die vielen Eindrücke gerade zu viel für es sind. Zugleich tritt es damit in Kontakt: Es ruft nach jemandem, der seine Not bemerkt und sie mit ihm aushält.
Was das Weinen für die Eltern so schwer erträglich macht, hat vielleicht nicht nur mit dem Kind zu tun: mit Erschöpfung, mit den Blicken der anderen und manchmal mit einer alten Erfahrung, dass heftige Gefühle von niemandem ausgehalten wurden. Unterstützung muss dann nicht bedeuten, jedes unangenehme Gefühl sofort zu beseitigen. Manchmal besteht sie gerade darin, da zu sein und gemeinsam auszuhalten, dass etwas im Moment schwierig ist.
Es geht nicht darum, die eigenen Gefühle aus der Beziehung herauszuhalten. Sie gehören dazu. Aber sie müssen nicht immer bestimmen, was das Kind erleben darf.
Eine Beziehung, die erst entstehen darf
Vielleicht gehört zu den überraschendsten Erfahrungen des Elternwerdens, dass die Beziehung zum eigenen Kind nicht einfach fertig vorhanden ist. Da ist von Anfang an eine besondere Nähe, eine große Verantwortung und oft auch eine tiefe Liebe. Und dennoch begegnen sich zwei Menschen, die einander erst kennenlernen müssen.
Dabei können sich Türen öffnen, hinter denen alte Gefühle, unerfüllte Bedürfnisse oder längst vergessene Erfahrungen liegen. Nicht jede dieser Türen muss geöffnet werden. Und nicht hinter jeder verbirgt sich etwas Belastendes. Genauso wie Belastendes können auch stärkende Erinnerungen und Gefühle wieder lebendig werden und einen Ausdruck finden.
Manchmal braucht es ein Gegenüber, um hinter eine solche Tür zu schauen. Einen Menschen, mit dem auch die Gedanken ausgesprochen werden dürfen, die sich zunächst fremd, widersprüchlich oder beschämend anfühlen. Nicht, um bewertet zu werden, sondern um gemeinsam verstehen zu können, was in dieser neuen Beziehung geschieht. Vielleicht entsteht gerade daraus wieder etwas mehr Raum. Für die eigene Geschichte, für das, was das Kind selbst mitbringt, und für eine Verbundenheit, die nicht von Anfang an selbstverständlich sein muss.
Denn das eigene Kind ist nicht der Mensch, den wir uns in unserer Vorstellung erschaffen haben.
Es ist jemand, den wir kennenlernen dürfen.
Wenn es mehr ist als Erschöpfung
Die erste Zeit mit einem Kind ist für viele Eltern anstrengend, und vieles davon gehört dazu. Wenn Niedergeschlagenheit, Ängste, innere Leere oder Erschöpfung aber über Wochen anhalten, wenn kaum noch Freude da ist oder Gedanken auftauchen, die einem selbst Angst machen, ist das kein Versagen. Es kann Ausdruck einer psychischen Krise rund um die Geburt sein, die Mütter wie Väter treffen kann und gut behandelbar ist. Dafür muss niemand abwarten, bis eine bestimmte Zeit vergangen ist: Wenn es schon früh sehr schwer ist, ist es sinnvoll, sich Unterstützung zu holen.
Ansprechpartner:innen sind zum Beispiel:
- die Hebamme, die frauenärztliche, hausärztliche oder kinderärztliche Praxis, auch für eine erste Einschätzung
- psychotherapeutische Praxen; einen Termin für eine psychotherapeutische Sprechstunde vermittelt auch die Terminservicestelle unter 116 117
- in meiner eigenen Praxis biete ich Eltern-Kind-Therapie rund um Schwangerschaft und frühe Kindheit an
- die Frühen Hilfen: kostenlose Beratung und Begleitung für Familien in der Schwangerschaft und mit Kindern bis drei Jahre, erreichbar über das Jugendamt oder elternsein.info
- Schatten & Licht e. V.: Selbsthilfe und Informationen zu psychischen Krisen rund um die Geburt (schatten-und-licht.de)
- in akuten Krisen die TelefonSeelsorge, rund um die Uhr und kostenfrei: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222; bei unmittelbarer Gefahr der Notruf 112
Literatur
Donald W. Winnicott (1953): Transitional Objects and Transitional Phenomena. A Study of the First Not-Me Possession. International Journal of Psycho-Analysis, 34, 89–97. Der Aufsatz, in dem Winnicott die „good-enough mother“ beschreibt: eine Bezugsperson, die sich anfangs ganz auf ihr Kind einstellt und diese Anpassung allmählich zurücknimmt.
