Stilisierte Illustration zweier Hände, die sich vor einer warmen Sonne zwischen geometrischen Flächen in Erdtönen entgegenstrecken, ohne sich zu berühren

„Ich kann Ihnen nicht sagen, was Sie tun sollen“

„Wir sind schon lange nicht mehr wirklich im Kontakt. Alles fühlt sich festgefahren an. Was soll ich tun, damit sich das ändert?“ „Mein Beruf gibt mir Sicherheit, aber ich sehe für mich keine Entwicklung mehr. Soll ich kündigen?“ „Kann ich meinen Vater wirklich in ein Pflegeheim geben oder muss ich mich selbst um ihn kümmern?“

Mit Fragen wie diesen kommen Menschen zu mir, oft in Momenten der Überforderung und Orientierungslosigkeit, manchmal auch der Handlungsunfähigkeit. Die Hoffnung ist groß, auf jemanden zu treffen, der Antworten hat. Nicht selten ist sie schon bei der Suche nach einer Therapie da.

Es ist zutiefst verständlich, gesagt bekommen zu wollen, was richtig ist. Weil es in manchen Lebenssituationen so schwer ist, diese Orientierung aus sich selbst heraus zu finden. Weil die Kraft zum weiteren Abwägen irgendwann erschöpft ist.

Und ich sitze da und meine Antwort ist so oft: Ich kann Ihnen nicht sagen, was Sie tun sollen. Nicht, weil ich nicht will, sondern weil ich die richtige Antwort für diesen Menschen nicht kenne.

Für jemanden, der Hilfe in einer Therapie sucht, kann das wie eine Zurückweisung klingen. Da ist doch eine Expertin, die mir diese Erleichterung geben könnte. Ich hatte mir doch erhofft, im therapeutischen Prozess auch konkrete Antworten zu bekommen. Auf jemanden zu treffen, der mir einen klaren Weg weist, den ich aus mir heraus gerade nicht finden kann.

Vielleicht entsteht in diesem Moment Enttäuschung, vielleicht auch Ärger. Oder das schmerzhafte Gefühl, mit der eigenen Not doch wieder allein zu sein. Das alles darf in der Therapie ausgesprochen werden. Denn auch wenn dies nicht meine Absicht ist, kann sich meine Antwort zunächst genau so anfühlen.

Die Versuchung, doch einen Rat zu geben

Auch für mich sind diese Momente nicht leicht. Ich sehe die Verzweiflung und möchte etwas von ihrer Schwere nehmen. Die Orientierungslosigkeit erlebe ich mit, und aus ihr heraus kann der Impuls entstehen, sofort für Entlastung zu sorgen.

Etwa durch einen Rat, so wie man es aus Freundschaften kennt, in denen ein Ratschlag manchmal vor allem den entlastet, der ihn gibt. Oder, weniger offensichtlich, indem ich mich hinter genau dem Satz verstecke, um den es hier geht: Ich kann Ihnen nicht sagen, was Sie tun sollen. Beides wäre ein Ausweg aus der gemeinsamen Ratlosigkeit. Darin liegt für mich die eigentliche Herausforderung.

Man darf allerdings skeptisch sein, ob ich die Antwort wirklich nicht kenne. Habe ich nicht doch manchmal eine Ahnung, die ich nur nicht ausspreche? Ja, solche Momente gibt es. Dann scheint mir eine Antwort fast greifbar. Doch oft entsteht sie gerade aus der Schwere der Situation und aus meinem Wunsch, hilfreich zu sein. Und selbst wenn meine Ahnung zuträfe: Es wäre nicht dieselbe Entscheidung, wenn ich sie jemandem abnähme. Eine Entscheidung, die wirklich die eigene werden soll, muss sich letztlich in diesem Menschen selbst formen.

Die Frage hinter der Frage

Manchmal steckt die eigene Antwort schon in der Frage selbst. „Kann ich meinen Vater wirklich in ein Pflegeheim geben?“ ist vielleicht nicht nur eine Frage danach, was man tun soll. Sie kann auch bedeuten: Darf ich das? Oder: Nimm mir die Schuld ab, falls es falsch ist. Oder: Ich weiß es längst, aber ich traue mich nicht. Dann wäre ein Rat nicht nur unmöglich. Er würde auch an der eigentlichen Frage vorbeigehen.

Einbringen kann ich meine Wahrnehmung und meine Erfahrung. Ich kann Zusammenhänge aufzeigen, Möglichkeiten gemeinsam prüfen und mithören, welche Frage eigentlich gestellt wird.

Was dann zwischen uns bleibt, ist nicht die ersehnte Antwort. Es ist etwas anderes.

Gemeinsam im Nichtwissen bleiben

Oft geht es zunächst darum, diese Spannung und das verzweifelte Gefühl gemeinsam auszuhalten. Wahrzunehmen, dass es sich genau in diesem Moment so anfühlt: orientierungslos, handlungsunfähig, ohne eine Vorstellung davon, wie es weitergehen kann. Zu ertragen, dass es jetzt keine Lösung gibt, obwohl sie so dringend gewünscht wird. Aufmerksam bei dem zu bleiben, was gerade so schwer wiegt, und Worte dafür zu finden.

Für mich als Therapeutin bedeutet das vor allem, im Nichtwissen bleiben zu können. Der Psychoanalytiker Wilfred Bion griff hierfür einen Gedanken des Dichters John Keats auf: die negative capability. Gemeint ist die Fähigkeit, in Ungewissheit und Zweifel zu verweilen, ohne vorschnell nach Gewissheit zu greifen.

Aber was passiert eigentlich in dem Moment, in dem wirklich spürbar wird, dass dieses Gefühl geteilt werden kann? Das Gefühl, keine eigenen Antworten zu haben und sie auch nicht von einem anderen zu bekommen?

Die Ratlosigkeit bleibt. Die Entscheidung ist weiterhin offen. Aber da ist ein Gegenüber, das zuhört, nachfragt und sich von der Not berühren lässt, ohne vor ihr zu flüchten, weder in einen Rat noch in eine Formel. Das nicht retten muss, sondern zugewandt bleibt.

Die eigene Verzweiflung muss nicht verborgen werden. Sie darf ausgesprochen werden, ohne dass schon eine Antwort auf sie gefunden ist. Und gerade darin kann eine erste Entlastung entstehen. Nicht, weil die Frage gelöst wäre, sondern weil man mit ihr nicht mehr allein ist.

Mitunter zeigt sich dann die Frage hinter der Frage. Ein eigener Wunsch, der bisher kaum zugelassen werden konnte. Oder die Angst, mit einer Entscheidung jemanden zu enttäuschen. Nicht als fertige Erkenntnis, sondern als etwas, das im gemeinsamen Nachdenken erst Kontur bekommt.

Natürlich gibt es Situationen, in denen ich klar Orientierung gebe, etwa wenn Gefahr droht oder schnell eine andere Art von Hilfe gebraucht wird. Dort braucht es mehr als Zuhören und gemeinsames Nachdenken. Aber sehr oft beginnt Veränderung unspektakulärer.

Noch keine Entscheidung. Nur etwas mehr Kontakt zu sich selbst und zu den eigenen Bedürfnissen. Und die leise Ahnung davon, was gebraucht wird.

Zum Weiterlesen

Der Gedanke, einem Menschen die Antwort nicht abzunehmen, findet sich in unterschiedlichen Formen auch außerhalb der Psychoanalyse.

Carl R. Rogers: Entwicklung der Persönlichkeit. Psychotherapie aus der Sicht eines Therapeuten. Rogers beschreibt ein tiefes Vertrauen darin, dass Menschen Zugang zu einer eigenen inneren Orientierung entwickeln können, wenn ihnen mit Empathie, Echtheit und bedingungsloser Wertschätzung begegnet wird. In diesem Buch ist der Gedanke besonders zugänglich.

Rainer Maria Rilke: Briefe an einen jungen Dichter. Etwas weniger therapeutisch, dafür umso schöner. Darin findet sich auch der Gedanke, der beim Schreiben dieses Textes immer wieder in meinem Kopf war: die Fragen selbst eine Zeit lang leben zu können, anstatt vorschnell nach Antworten zu suchen.

Wilfred R. Bion: Attention and Interpretation (1970). Hier greift Bion Keats’ Begriff der negative capability auf. Eine anspruchsvolle, eher fachliche Lektüre.

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