Stilisierte Illustration zweier Frauen in einem warmen Gespräch, eine lacht herzlich, die andere lächelt zugewandt

Darf man in der Psychotherapie eigentlich lachen?

Warum Humor manchmal mehr Nähe schafft als ein besonders kluger Satz.

Vor einiger Zeit fragte mich eine Patientin eher aus dem Zusammenhang heraus, ob ich eigentlich Englisch sprechen würde. Ich antwortete spontan: „Sì, un pochino.“ Wir mussten beide lachen.

Es war nur ein kleiner Moment. Und trotzdem entstand darin etwas zwischen uns: Leichtigkeit, Nähe, vielleicht auch ein anderer Kontakt. Solche Momente finde ich spannend in Therapien. Gleichzeitig sind sie nicht selbstverständlich. Dieselbe Bemerkung hätte bei einem anderen Menschen oder zu einem anderen Zeitpunkt unpassend wirken können.

Wann schafft Humor Nähe und wann steht er ihr im Weg?

Therapie ernst nehmen heißt nicht, immer ernst zu sein

Menschen bringen oft schwere Symptome und Lebensgeschichten mit in die Therapie. Der therapeutische Raum ist ein Ort, an dem all das seinen Platz haben darf, auch das, was schwer auszuhalten ist.

Gerade dann taucht manchmal Lachen auf. Viele kennen das vielleicht von sich selbst: Man erzählt etwas eigentlich Trauriges oder Beschämendes und muss dabei lachen. In der Therapie können wir darin auch eine Form der Abwehr verstehen. Das Lachen schafft Distanz zu einem Gefühl, das gerade vielleicht noch zu schwer ist.

Und genau da wird es für mich mit dem Humor in der Therapie auch schwierig. Denn natürlich kann ein Witz etwas überdecken. Er kann eine entstehende Traurigkeit unterbrechen oder dabei helfen, schnell wieder von etwas wegzugehen, das gerade unangenehm nahekommt. Gleichzeitig erlebe ich Humor eben nicht nur so. Manchmal macht er es sogar leichter, gemeinsam bei etwas Schwerem zu bleiben.

Vielleicht ist deshalb manchmal gar nicht der Witz das Entscheidende. Vielleicht ist es vielmehr dieser kurze Augenblick, in dem zwei Menschen dasselbe erfassen.

Schon Freud hat sich in Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten damit beschäftigt, dass Humor einen besonderen Zugang zu dem schaffen kann, was uns auf direktem Weg weniger zugänglich ist. Ein Witz kann etwas sichtbar oder sagbar machen, das sonst eher verborgen bleibt.

Ist Humor therapeutisch relevant?

Auch in der Psychotherapieforschung findet sich Humor wieder. In einer Untersuchung von Panichelli und Kolleg:innen wurden 110 Patient:innen und ihr Therapeut unter anderem zu Humor, therapeutischer Beziehung und Behandlungserfolg befragt. Humor hing dabei mit einer positiveren Einschätzung des Therapieerfolgs zusammen.

Das bedeutet nicht, dass Humor eine Therapie erfolgreicher macht. Es spricht aber dafür, dass er mit dem Beziehungsgeschehen in der Therapie verbunden sein kann. Mich beschäftigt dabei allerdings weniger die Frage, ob Humor nun grundsätzlich „gut“ für eine Therapie ist. So einfach ist es vermutlich nicht. Viel interessanter finde ich:

Warum kann ein gemeinsames Lachen in einem Moment Nähe schaffen und sich in einem anderen völlig falsch anfühlen?

Wo Nähe entstehen kann, kann auch etwas verletzt werden

Ein Patient kann sich durch eine humorvolle Bemerkung nicht ernst genommen fühlen. Ein gemeinsames Lachen kann plötzlich wie ein Auslachen wirken. Oder ein Witz nimmt einem Gefühl den Raum, das gerade erst entstanden ist.

Lachen kann ermöglichen, etwas zu fühlen. Es kann aber genauso dabei helfen, etwas nicht fühlen zu müssen. Und vielleicht lässt sich vorher gar nicht immer sicher wissen, was von beidem gerade passiert.

Für mich hat das viel mit dem Gespür dafür zu tun, was gerade zwischen zwei Menschen geschieht. Mit einem Blick, einer Pause, einer kleinen Veränderung im Gesicht oder in der Stimme. Vieles davon nehmen wir wahr, bevor wir überhaupt darüber nachdenken. Es bewusst erfassen können.

Wenn sich etwas verändert, bevor wir es verstanden haben

Daniel Stern und die Boston Change Process Study Group haben sich mit genau solchen Augenblicken in therapeutischen Beziehungen beschäftigt.

Sie beschreiben sogenannte now moments: kurze, manchmal unerwartete Augenblicke, in denen sich etwas im Kontakt verändert. Wenn sich Patient und Therapeut in einem solchen Moment tatsächlich begegnen, sprechen Stern und seine Kolleg:innen von einem moment of meeting.

Was ich an diesem Gedanken besonders interessant finde: Nicht alles, was sich in einer Therapie verändert, muss vorher verstanden oder richtig benannt worden sein. Manches passiert offenbar auch in der Begegnung selbst. Das betrifft natürlich nicht nur Humor. Aber beim gemeinsamen Lachen kann man es manchmal fast beobachten. Ein Blick genügt. Einer beginnt zu lächeln, der andere ebenfalls. Beide haben etwas erfasst, ohne dass es erklärt werden müsste.

Wenn ich an die Situation vom Anfang denke, ging es vielleicht gar nicht darum, dass ich „Humor eingesetzt“ habe. Das habe ich in diesem Moment auch überhaupt nicht bewusst getan. Es ist einfach etwas zwischen uns entstanden.

Vielleicht ist „Gleichschwingen“ dafür ein passendes Wort. Und wahrscheinlich ist genau das der Grund, weshalb man solche Momente nicht planen kann.

Man kann einen solchen Moment nicht herstellen. Man kann aber empfänglich für ihn sein.

Und manchmal irren wir uns

Natürlich kann dieses Gespür auch falsch sein. Das gehört für mich genauso dazu. Auch als Therapeutin kann ich einen Moment falsch einschätzen und merken: Das kam gerade nicht an. Vielleicht war ich zu schnell, vielleicht habe ich etwas anders verstanden als mein Gegenüber.

Therapeutische Beziehung bedeutet für mich nicht, einander immer richtig zu verstehen. Viel wichtiger ist vielleicht, wahrnehmen und benennen zu können, wenn man sich verfehlt hat:

„Ich glaube, ich habe gerade unpassend reagiert und Sie damit getroffen.“

Auch darin kann wieder etwas zwischen zwei Menschen entstehen.

Zum Weiterlesen

Daniel N. Stern: Der Gegenwartsmoment. Veränderungsprozesse in Psychoanalyse, Psychotherapie und Alltag. Stern beschreibt diese kleinen Augenblicke menschlicher Begegnung und die Frage, wie Veränderung nicht nur über Verstehen, sondern auch im unmittelbaren Miteinander entstehen kann.

Sigmund Freud: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten. Freud nähert sich dem Humor aus einer anderen Richtung und fragt danach, was im Witz zum Vorschein kommen kann, das unserem bewussten Denken nicht ohne Weiteres zugänglich ist.

Vielleicht weiß man später gar nicht mehr genau, worüber man gemeinsam gelacht hat. Entscheidend ist manchmal etwas anderes: dieser kurze Augenblick, in dem zwei Menschen gespürt haben: Wir haben gerade dasselbe erfasst.

Humor schafft manchmal mehr Nähe als ein besonders kluger Satz, nicht weil der Satz weniger wert wäre, sondern weil es Augenblicke gibt, in denen nicht das Verstehen verändert, sondern das gemeinsame Erleben.


Quellen

  1. Panichelli, C. und Kolleg:innen: Untersuchung zum Zusammenhang von Humor, therapeutischer Beziehung und Behandlungserfolg – Studie
  2. Freud, S. (1905): Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten – Volltext

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