Wenn das Leben stimmt, aber das Gefühl dazu nicht
Ein Sommernachmittag im Park, Eis in der Hand, Partner und Kind nebendran. Die Stimmung ist ausgelassen, die Woche lief gut, das Wochenende steht bevor. Ein eigentlich schöner Moment. Und mittendrin dieser kurze, fast beschämende Gedanke: Ich müsste doch jetzt zufrieden sein. Alles ist in Ordnung. Warum fühle ich das nicht?
Nach außen gibt es vielleicht wenig, was offensichtlich nicht stimmt: eine Partnerschaft, Familie, Freunde, einen Beruf, finanzielle Sicherheit, vielleicht sogar genau das Leben, das man sich einmal gewünscht hat. Und trotzdem fühlt es sich alles andere als erfüllend an. Vielleicht ist da eine innere Leere. Freude ist abhandengekommen, vieles bleibt merkwürdig dumpf. Man funktioniert, nimmt am eigenen Leben teil und fühlt sich ihm gleichzeitig seltsam fern.
Natürlich können anhaltende Freudlosigkeit und innere Leere auch Ausdruck einer Depression sein. Mich interessiert hier jedoch ein anderes Phänomen: das Erleben, dass im eigenen Leben eigentlich vieles stimmt und sich trotzdem etwas darin nicht mehr ganz stimmig anfühlt.
„Ich habe doch eigentlich gar keinen Grund, mich so zu fühlen.“
Mit genau diesem Satz stellen sich Menschen auch in meiner Praxis vor. Häufig ist dieses Erleben zusätzlich mit Schuldgefühlen verbunden, denn wenn es im Außen keinen offensichtlichen Grund für die eigene Unzufriedenheit gibt, beginnt schnell die Suche danach, was eigentlich nicht stimmt: Liegt es an meiner Partnerschaft? An meinem Beruf? Bin ich überarbeitet? Oder bin ich einfach undankbar?
Dabei richten sich Gefühle nicht unbedingt nach der Bilanz unseres Lebens.
Wenn Anpassung zur Stärke wird
Mit genau dieser Spannung zwischen Anpassung und eigenem Erleben beschäftigte sich der Psychoanalytiker und Kinderarzt Donald Winnicott. 1960 beschrieb er sein Konzept des True and False Self. Vereinfacht gesagt ging es ihm darum, dass Menschen Formen der Anpassung entwickeln können, die im Kontakt mit ihrer Umwelt ausgesprochen gut funktionieren. Nimmt diese Anpassung jedoch sehr viel Raum ein, kann der Zugang zum eigenen spontanen Erleben schwieriger werden.
Im Laufe unseres Lebens entwickeln wir Vorstellungen davon, wie wir sein sollten. Geprägt werden diese auch von den Idealen und Erwartungen, die uns früh begegnen, durch unsere Eltern, unser nahes Umfeld und die Lebensentwürfe, die uns vorgelebt werden.
Manches davon entspricht uns tatsächlich. Anderes haben wir vielleicht übernommen, weil es uns früh Anerkennung, Sicherheit oder Zugehörigkeit gegeben hat: leistungsfähig zu sein, vernünftig, unkompliziert, für andere da zu sein, keine Belastung darzustellen.
Das sind nicht zwangsläufig problematische Eigenschaften. Im Gegenteil, sie können uns lange sehr gut durchs Leben tragen. Der Nachmittag im Park ist vielleicht genau das Ergebnis von vielem, was gut gelungen ist.
Wenn das Funktionieren zu gut funktioniert
Aber was passiert, wenn wir so gut darin werden, Anforderungen zu erfüllen und Ziele zu verfolgen, dass wir zunehmend schwerer wahrnehmen, was wir selbst eigentlich brauchen?
Ein Mensch arbeitet beispielsweise jahrelang auf einen bestimmten beruflichen Weg hin: Schulabschluss, Studium, Berufseinstieg, der nächste Karriereschritt. Irgendwann ist man so sehr damit beschäftigt, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen, dass eine eigentlich einfache Frage kaum noch auftaucht:
Will ich das überhaupt noch?
Dasselbe kann auch bei Partnerschaft oder einer eigenen Familie geschehen, wenn ein Lebensentwurf so selbstverständlich erscheint, dass lange wenig Raum bleibt, wahrzunehmen, wie er sich tatsächlich anfühlt.
Mich interessiert an Winnicotts Gedanken weniger die Unterscheidung zwischen einem „wahren“ und einem „falschen“ Selbst. Spannender finde ich die Frage: Wie viel von dem, was wir tun, entsteht aus einem eigenen inneren Impuls, und wie viel daraus, sehr gut gelernt zu haben, was von uns erwartet wird?
Gerade wenn objektiv vieles gut läuft, versuchen Menschen häufig, das unangenehme Gefühl zu korrigieren: „Eigentlich müsste ich dankbarer sein.“ „Andere wären froh, wenn sie mein Leben hätten.“
Doch Dankbarkeit und Unzufriedenheit schließen sich nicht gegenseitig aus. Ich kann wissen, dass vieles in meinem Leben wertvoll ist, und gleichzeitig spüren, dass mir etwas fehlt.
Was will mir dieses Gefühl sagen?
Interessanterweise gibt es auch wissenschaftliche Hinweise darauf, dass es einen Unterschied macht, wie wir mit unangenehmen inneren Zuständen umgehen. Brett Ford und sein Forschungsteam untersuchten in mehreren Studien, was geschieht, wenn Menschen ihre eigenen Gedanken und Gefühle eher annehmen, anstatt sie unmittelbar zu bewerten. Dabei zeigte sich, dass eine eher annehmende Haltung gegenüber dem eigenen Erleben mit weniger negativen emotionalen Reaktionen auf Belastungen verbunden war.
Das bedeutet nicht, dass unangenehme Gefühle einfach akzeptiert werden müssen und dadurch verschwinden. Interessanter finde ich einen anderen Gedanken: Vielleicht entsteht ein Teil unserer Belastung gerade dann, wenn zu einem unangenehmen Gefühl sofort noch die Bewertung hinzukommt, dass wir dieses Gefühl eigentlich gar nicht haben dürften.
In meiner therapeutischen Arbeit finde ich es deshalb häufig hilfreicher, ein solches Gefühl zunächst nicht vorschnell beseitigen zu wollen. Es darf erst einmal Raum bekommen, ohne dass bereits feststehen muss, was daraus folgt.
Denn Gefühle können manchmal auch Wegweiser sein.
Wann fühle ich mich lebendig? Was vermisse ich, obwohl ich es vielleicht noch gar nicht benennen kann? Welche Entscheidungen fühlen sich wirklich nach meinen eigenen an? Wo funktioniere ich hervorragend und merke vielleicht erst spät, wie viel Kraft mich das kostet? Und was passiert, wenn ich einen Wunsch wahrnehme, der gar nicht zu dem passt, was ich bisher von mir erwartet habe?
Solche Fragen müssen nicht sofort beantwortet werden. Aber sie können helfen, wieder stärker mit dem eigenen Erleben und den eigenen Bedürfnissen in Kontakt zu kommen.
Das Gefühl muss sich nicht rechtfertigen
Ein diffuses Unwohlsein bedeutet nicht automatisch, dass das bisherige Leben falsch ist. Es bedeutet auch nicht, dass die Beziehung beendet, der Beruf gewechselt oder das ganze Leben neu geordnet werden muss.
Manchmal braucht es Veränderung, manchmal zunächst nur die Möglichkeit, etwas wahrzunehmen, das lange wenig Platz hatte.
Vielleicht sitzt dieser Mensch noch immer im Park. Das Eis ist längst aufgegessen, das Kind spielt weiter, der Nachmittag geht seinen Gang. Äußerlich hat sich nichts verändert. Aber der kurze Gedanke von eben, ich müsste doch jetzt zufrieden sein, muss nicht mehr gegen sich selbst verwendet werden.
Er darf einfach da sein. Nicht als Beweis dafür, dass etwas falsch ist, sondern als Einladung, genauer hinzuhören.
Quellen
- Ford, B. Q., Lam, P., John, O. P. & Mauss, I. B. (2018). The Psychological Health Benefits of Accepting Negative Emotions and Thoughts: Laboratory, Diary, and Longitudinal Evidence. Journal of Personality and Social Psychology, 115(6), 1075–1092. – Studie
- Winnicott, D. W. (1960). Ich-Verzerrung in Form des wahren und des falschen Selbst. In: Reifungsprozesse und fördernde Umwelt. – Zum Konzept
