Illustration von zwei Menschen, die sich einander zugewandt gegenüberstehen

Warum wir Beziehungsmuster wiederholen, obwohl wir sie längst verstanden haben

Selbsterkenntnis allein reicht manchmal nicht und Vertrautes kann sich stärker anfühlen als das, was uns eigentlich guttun würde.

„Eigentlich weiß ich das doch längst.“

Diese Erfahrung begegnet mir in meiner Praxis häufig: Menschen verstehen sich und ihre Geschichte teilweise sehr gut und erleben trotzdem, dass sich bestimmte Situationen und Gefühle in ihren Beziehungen wiederholen.

In der therapeutischen Arbeit ist es oft erstaunlich schnell möglich, Zusammenhänge zu erkennen. Plötzlich ergibt etwas Sinn: weshalb ich mich immer wieder zu einem bestimmten Typ Mensch hingezogen fühle. Weshalb ich mich zurückziehe, wenn mir jemand zu nahekommt. Oder warum ich beginne, mich anzupassen, obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, genau das nicht mehr zu tun.

Mit dieser Erkenntnis entsteht leicht das Gefühl: Jetzt habe ich es verstanden. Jetzt wird es anders.

Und dann begegnen wir vielleicht einem Menschen, bei dem wir eine besondere „Chemie“ empfinden. Etwas fühlt sich neu und gleichzeitig merkwürdig vertraut an. Wir denken: Diesmal wird es anders. Bis wir irgendwann feststellen, dass wir uns in einer Situation wiederfinden, die wir eigentlich sehr gut kennen.

Wie kann das sein? Warum schützt uns das Wissen über unsere eigenen Beziehungsmuster nicht automatisch davor, sie zu wiederholen?

Vielleicht beginnt genau hier die eigentliche therapeutische Arbeit: jenseits des reinen Verstehens.

Vertraut ist nicht unbedingt dasselbe wie gut

Prägende Beziehungserfahrungen können beeinflussen, was wir später von Beziehungen erwarten. Daraus können innere Vorstellungen entstehen: Wie viel Nähe fühlt sich gut an? Wann fühle ich mich zurückgewiesen? Was muss ich tun, damit jemand bleibt? Und welche Rolle übernehme ich selbst immer wieder?

Gerade hier entsteht ein interessantes Paradox.

Ein Mensch kann sich beispielsweise lange einen zuverlässigen und emotional verfügbaren Partner wünschen. Begegnet ihm tatsächlich jemand, der verbindlich, interessiert und zugewandt ist, fühlt sich das überraschenderweise nicht unbedingt sofort gut an. Vielleicht fehlt etwas. Die Beziehung erscheint ungewohnt, langweilig oder irgendwie „nicht richtig“.

Denn etwas kann vertraut sein, ohne uns gutzutun. Und etwas kann uns guttun, ohne sich zunächst vertraut anzufühlen.

Wie sehr frühere Beziehungserfahrungen die Wahrnehmung neuer Menschen beeinflussen können, untersuchten Claudia Brumbaugh und Chris Fraley 2006. Sie fanden Hinweise darauf, dass Bindungserfahrungen aus vergangenen Beziehungen auf potenzielle neue Partner übertragen werden können, besonders dann, wenn diese einem früheren Partner ähneln.

Das bedeutet nicht, dass wir zwangsläufig immer wieder „denselben Menschen“ suchen. Aber wir begegnen einer neuen Beziehung auch nicht vollkommen unvoreingenommen. Unsere bisherigen Erfahrungen sind gewissermaßen mit im Raum.

Wir bringen uns selbst mit

Beziehungsmuster entstehen aber nicht nur dadurch, wen wir auswählen. Wir gestalten Beziehungen selbst mit, häufig ohne es zu bemerken.

Wenn ich beispielsweise schnell mit Zurückweisung rechne, nehme ich kleine Veränderungen beim anderen möglicherweise besonders aufmerksam wahr. Eine kürzere Nachricht, ein veränderter Tonfall oder ein Abend mit weniger Nähe können dann eine große Bedeutung bekommen.

Vielleicht ziehe ich mich zurück, werde ärgerlich oder brauche verstärkt Bestätigung. Darauf reagiert wiederum mein Gegenüber.

So kann sich allmählich eine Situation entwickeln, die am Ende genau das zu bestätigen scheint, was ich ohnehin erwartet habe: „Ich wusste doch, dass ich mich auf niemanden verlassen kann.“

Nancy Collins und Kolleginnen untersuchten 2006 genau diesen Zusammenhang. Ihre Forschung zeigte, dass Erwartungen an Beziehungen beeinflussen können, wie wir das Verhalten unseres Partners interpretieren. Menschen mit stärkerer Bindungsangst deuteten mögliche Verfehlungen ihres Partners eher als Bedrohung für die Beziehung.

Wir reagieren also nicht ausschließlich auf das, was ein anderer Mensch tut. Wir reagieren auch darauf, welche Bedeutung wir seinem Verhalten geben.

Wenn Verstehen allein nicht reicht

Menschen kommen teilweise mit einem erstaunlich differenzierten Verständnis ihrer eigenen Geschichte in die Therapie. Sie haben viel über sich nachgedacht, gelesen oder bereits therapeutische Erfahrungen gemacht. Sie können ihre Muster erklären.

Und trotzdem passiert es wieder.

In einer Psychotherapie geht es deshalb aus meiner Sicht nicht nur darum, noch mehr über sich zu wissen oder für jede Reaktion eine Erklärung zu finden. Interessant wird auch das emotionale Erleben im Hier und Jetzt.

Was fühle ich, wenn mir jemand wirklich nahekommt? Was löst Distanz in mir aus? Wann beginne ich, mich anzupassen? Wann ziehe ich mich zurück? Und welche Reaktion erwarte ich vielleicht schon von meinem Gegenüber, bevor dieser überhaupt reagiert hat?

Solche Beziehungsmuster können sich auch innerhalb der therapeutischen Beziehung zeigen. Dann werden sie nicht nur erzählt und verstanden, sondern unmittelbar erlebbar. Gemeinsam kann betrachtet werden, was gerade geschieht. Und vielleicht entsteht an dieser Stelle erstmals die Möglichkeit, nicht automatisch dem vertrauten Muster zu folgen.

Veränderung kann sich zunächst falsch anfühlen

Genau das kann allerdings überraschend unangenehm sein.

Eine Grenze zu setzen kann zunächst Schuldgefühle auslösen. Nicht sofort um Nähe zu kämpfen kann Unsicherheit hervorrufen. Einem zuverlässigen Menschen näherzukommen kann sich fremd anfühlen, obwohl man sich genau diese Verlässlichkeit immer gewünscht hat. Und einen Konflikt auszutragen kann Angst machen, wenn Auseinandersetzung innerlich mit dem möglichen Verlust einer Beziehung verbunden ist.

Das Neue fühlt sich nicht automatisch richtig an, nur weil es uns möglicherweise besser tut.

Die Erfahrung, dass das Befürchtete trotzdem nicht eintreten muss, dass eine Grenze nicht zwangsläufig zum Verlust einer Beziehung führt oder ein Konflikt nicht automatisch Trennung bedeutet, kann etwas Neues ermöglichen.

Schon Freud beschäftigte sich 1914 in Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten mit der Beobachtung, dass wir Vergangenes nicht nur erinnern, sondern in unserem gegenwärtigen Erleben wiederholen können. Mit „Durcharbeiten“ beschrieb er einen Prozess, in dem solche Muster nicht nur erkannt, sondern immer wieder erlebt und bearbeitet werden.

Interessant finde ich dabei die Frage, ob dieses Durcharbeiten jemals wirklich abgeschlossen ist. Begegnen uns bestimmte Themen nicht vielmehr im Laufe unseres Lebens immer wieder, in neuen Beziehungen, Lebensphasen und unter veränderten Bedingungen?

Vielleicht bedeutet Veränderung deshalb nicht, ein Muster irgendwann endgültig hinter sich zu lassen. Vielleicht bedeutet sie vielmehr, ihm erneut zu begegnen und dabei zunehmend mehr Möglichkeiten zu haben, damit umzugehen.

Manchmal beginnt Veränderung genau dort, wo wir an einer sehr vertrauten Stelle etwas anders machen und aushalten, dass sich gerade das Neue zunächst fremd anfühlt.


Quellen

  1. Brumbaugh, C. C. & Fraley, R. C. (2006): Untersuchung zur Übertragung von Bindungsmustern auf neue Beziehungspartner – Studie
  2. Collins, N. L. und Kolleginnen (2006): Untersuchung dazu, wie Bindungserwartungen die Interpretation des Partnerverhaltens beeinflussen – Studie
  3. Freud, S. (1914): Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten – Volltext