Stilisierte Illustration eines leeren Stuhls mit über die Lehne drapiertem Tuch in einem warmen, geometrisch gestalteten Raum mit Bogenfenster, Sonnenmotiv und einer Vase mit Zweig

Warum weiß ich so wenig über meine Therapeutin?

„Ich finde das komisch. Ich erzähle Ihnen so viel Intimes von mir, aber ich weiß nichts über Sie. Ich weiß nicht, ob Sie Kinder haben, wie Sie leben, was Ihnen wichtig ist. Nichts weiß ich von Ihnen. Und so viel wissen Sie über mich.“

Diesen Satz höre ich, in unterschiedlichen Varianten, immer wieder, vor allem in der Anfangsphase einer Therapie. Und jedes Mal steckt darin mehr als Neugier. Es ist eine berechtigte Irritation.

Ein Mensch kommt mit einer Symptomatik und einer ganzen Lebensgeschichte in die Therapie. Die Aufgabe ist im Grunde, möglichst offen von dem zu berichten, was einem in den Sinn kommt: das eigene Leben mit all seiner Emotionalität, mit intimen, manchmal schambesetzten, manchmal zutiefst berührenden Erfahrungen. Möglicherweise werden Dinge erzählt, die noch nie jemandem anvertraut wurden. Und all das einer Person, über die man selbst im Grunde kaum etwas weiß.

Das fühlt sich zunächst ungewohnt an, vielleicht sogar ungerecht oder ungleichwertig. Warum sollte ausgerechnet diese Beziehung, in die so viel eingebracht wird, so asymmetrisch sein?

Für manche Menschen ist allerdings genau dieser Aspekt eine große Entlastung. Hier darf es, vielleicht zum ersten Mal, nur um sie selbst gehen.

Ich möchte die Frage nicht zu schnell beantworten, weil ich glaube, dass die Irritation zu Recht besteht. Aber was hat es eigentlich mit dieser Zurückhaltung auf sich? Was soll hier geschützt werden?

Tatsächlich ist diese Beziehung asymmetrisch. Ich kenne die Regeln dieses Raums, ich halte den Rahmen, ich habe eine fachliche Autorität, die auf der anderen Seite in diesem Moment fehlt. Diese Ungleichheit lässt sich nicht wegerklären. Die interessantere Frage ist, wozu sie da ist und wem sie dient.

Es geht in dieser Klarheit nicht darum, dass ich im Vorteil bleibe, sondern um den Schutz der therapeutischen Arbeit und um etwas, das man leicht übersieht: den Schutz der Beziehung selbst.


Diese Beziehung ist in vielerlei Hinsicht eine ganz besondere. Sie ist meinem Gegenüber gewidmet. Es geht nicht und sollte niemals um die Bedürfnisse der Therapeutin gehen. In einer Freundschaft zum Beispiel sind die Rollen dagegen nie ganz eindeutig. Sie werden ständig neu ausgehandelt, beide Seiten geben, beide nehmen. Es gibt kaum einen anderen Ort, an dem ein Beziehungsverhältnis so klar geregelt und so verlässlich sein kann wie in der therapeutischen Beziehung. Und gerade aus dieser Klarheit heraus kann eine besondere Art von Nähe und Öffnung entstehen. Nicht trotz des Rahmens, sondern wegen ihm.

Diese Klarheit hat auch eine sehr konkrete Funktion. Gerade weil vieles über mich offenbleibt, entsteht Raum für Vorstellungen, Erwartungen und Fantasien. Was glauben Patient:innen über mich? Was erwarten sie von mir? Was befürchten sie? Solche Vorstellungen entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie haben mit mir und meinem tatsächlichen Verhalten zu tun, und zugleich kann sich darin etwas von Beziehungserfahrungen zeigen, die Patient:innen bereits mitbringen.

Wiederholt sich hier etwas, das Patient:innen aus anderen Beziehungen kennen? Erwarten sie etwas von mir, das eigentlich aus einer ganz anderen Beziehung stammt? Gerade in einer psychodynamischen Therapie können solche Momente interessant werden, weil Beziehung nicht nur stattfindet, sondern selbst Gegenstand der therapeutischen Arbeit ist.

Freud formulierte 1912 das Bild des Analytikers, der für den Patienten möglichst undurchsichtig bleiben und wie eine Spiegelplatte vor allem das zurückgeben solle, was ihm entgegengebracht wird. Es ist ein strenges, heute beinahe kalt wirkendes Bild aus einer anderen Zeit.

Aber anonym ist eine therapeutische Beziehung nie. Das ist mir wichtig, weil Zurückhaltung leicht mit Distanz oder Kälte verwechselt werden kann. Wie ich zuhöre, reagiere, wann ich schweige, vermittelt längst etwas von mir als Mensch, ob ich will oder nicht.

Manchmal kann eine direkte Antwort beruhigend sein. Manchmal ist es wichtiger zu verstehen, warum die Frage gerade jetzt auftaucht: aus reiner Neugier, oder weil die Beziehung zwischen uns gerade wichtiger wird und damit auch die Frage, wer diese Person eigentlich ist, der man so viel von sich erzählt.

Zurückhaltung bedeutet deshalb für mich nicht, persönliche Fragen nach einem festen Regelwerk unbeantwortet zu lassen. Auch die Frage selbst kann Teil dessen werden, was sich zwischen zwei Menschen entwickelt. Entscheidend ist weniger, ob ich etwas von mir preisgebe, sondern wozu eine Antwort in diesem Moment dient: der therapeutischen Arbeit oder meinem eigenen Bedürfnis, etwas von mir zu zeigen. Und Letzteres darf in der therapeutischen Beziehung keine Rolle spielen.

Auch die spärliche empirische Forschung zu diesem Thema bestätigt diesen Eindruck: Ein vielzitierter Überblick über Studien zur therapeutischen Selbstoffenbarung kommt zu dem Schluss, dass sie weder grundsätzlich hilft noch schadet. Entscheidend sind Inhalt, Zeitpunkt und Zweck. Nicht das Ob.

Ich ziehe mich nicht zurück. Ich bin da. Nur geht es eben nicht um mich.

Dahinter steckt eine Arbeit, die von außen kaum sichtbar ist: mitten in der eigenen emotionalen Beteiligung wahrzunehmen, was gerade zwischen uns geschieht. Als Therapeutin bin ich nicht außerhalb der Beziehung. Ich bin an ihr beteiligt, reagiere auf mein Gegenüber und werde von dem, was im Raum geschieht, berührt. Gleichzeitig muss ich beobachten können, was zwischen uns entsteht und welchen Anteil ich selbst daran habe, ohne die Beziehung zu meinem eigenen Schauplatz zu machen.

Manchmal zeigt sich ein stilles Einverständnis darüber auf beiden Seiten. Es gibt Patient:innen, die fragen, wie mein Wochenende wohl war, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten. Fast so, als wäre längst klar: Natürlich gibt es mich auch außerhalb dieses Raums. Natürlich habe ich ein Leben, Erlebnisse, Stimmungen. Und es kann durchaus von Bedeutung sein, wie es mir geht. Trotzdem muss dieses Leben nicht Teil der therapeutischen Beziehung werden.

Beides kann nebeneinander bestehen.


Diese Haltung gilt im Übrigen nicht für Psychotherapie insgesamt. Sie stammt aus einer bestimmten fachlichen Tradition, der psychodynamischen Therapie, in der Übertragung und therapeutische Beziehung eine besondere Bedeutung haben. Andere Therapieverfahren gehen mit Selbstoffenbarung teilweise anders um. Und selbst innerhalb der Psychoanalyse wurde und wird darüber gestritten, wie viel Diskretion tatsächlich notwendig ist.

Sándor Ferenczi etwa experimentierte Anfang der 1930er-Jahre zeitweise mit der sogenannten „mutuellen Analyse“, bei der die klassische Rollenverteilung zwischen Analytiker:innen und Patient:innen weit stärker infrage gestellt wurde. Seine Versuche blieben umstritten, sind aber auch deshalb interessant, weil sie eine Frage berühren, die bis heute nicht endgültig beantwortet ist: Wie viel persönliche Diskretion braucht eine therapeutische Beziehung, und wann wird aus hilfreicher Zurückhaltung unnötige Distanz?

Ich glaube nicht, dass sich die anfängliche Irritation vollständig auflösen muss. Wie sich diese Ungleichheit anfühlt, ist von Mensch zu Mensch verschieden.

Und manchmal ist genau diese Klarheit von Anfang an keine Zumutung, sondern eine Erleichterung: dass es, vielleicht zum ersten Mal, innerhalb einer Beziehung wirklich nur um einen selbst gehen darf.

Zum Weiterlesen

Sigmund Freud (1912): Ratschläge für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung. Hier prägte Freud das Bild des undurchsichtigen Analytikers als Spiegelplatte. Eine Formulierung, die die psychoanalytische Technik über ein Jahrhundert lang beeinflusst hat und bis heute Bezugspunkt jeder Debatte über Zurückhaltung ist.

Sándor Ferenczi: Das klinische Tagebuch, mit seinen Aufzeichnungen aus dem Jahr 1932 und seinen Überlegungen und Experimenten zur „mutuellen Analyse“. Historisch interessant, weil Ferenczi noch zu Freuds Lebzeiten und innerhalb derselben Bewegung die klassische Zurückhaltung radikal infrage stellte. Ein früher Riss in einem Konsens, der bis dahin unangefochten schien.

Henretty, J. R., & Levitt, H. M. (2010): The role of therapist self-disclosure in psychotherapy: A qualitative review. Clinical Psychology Review, 30, 63-77. PubMed-Eintrag.

Auf diesem Blog: „Ich kann Ihnen nicht sagen, was Sie tun sollen“ – warum ich in der Therapie oft keinen Rat gebe und was stattdessen entstehen kann.

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