Der Körper liegt mit auf der Couch
Warum psychisches Erleben niemals körperlos ist.
Psychotherapie, das Wort beinhaltet es schon: Hier soll die Psyche behandelt werden. Menschen kommen wegen psychischen Leidens in die Therapie, und das ist zunächst sinnvoll. Sie können in einem medizinisch weitgehend gesunden Körper leben und trotzdem enorm leiden.
Und dennoch liegt darin für mich ein gewisses Paradox. Kann die Psyche wirklich losgelöst von dem Körper betrachtet und behandelt werden, in dem sie lebt? Vielleicht ist er nicht im eigentlichen Sinne krank. Aber bedeutet das, dass er nicht ebenfalls leidet?
Im Therapieraum sitzt oder liegt immer ein ganzer Mensch. Er kommt vielleicht hauptsächlich wegen seines psychischen Leidensdrucks. Gleichzeitig zeigen sich Erschöpfung, Schlafprobleme, Anspannung oder ein verlorener körperlicher Rhythmus.
Der Körper leidet mit.
Körperliche Beschwerden dürfen dabei nicht vorschnell psychologisch erklärt werden. Manchmal braucht es eine medizinische Abklärung oder eine Behandlung, die nicht in den Aufgabenbereich der Psychotherapie fällt. Die fachlichen Zuständigkeiten sind getrennt. Das Erleben des Menschen ist es nicht. Wer erschöpft ist, kaum schläft oder einen großen Teil seiner Kraft dafür benötigt, körperlich durch den Tag zu kommen, hat möglicherweise weniger inneren Spielraum für die Auseinandersetzung mit schmerzhaften Erfahrungen. Doch der Körper ist im Therapieraum mehr als eine gesundheitliche Grundlage. Er ist selbst Teil des Erlebens.
Stellen wir uns eine analytische Behandlung vor. Eine Patientin bemerkt, wie regungslos sie auf der Couch liegt. Ihr Körper ist auffallend gerade, beinahe wie eingefroren. Diese Haltung wird nicht von außen gedeutet. Zunächst geht es nur darum, sie wahrzunehmen. Wie fühlt sich ihr Körper an, wenn sie so daliegt?
Mit der Zeit kann die Patientin ihr körperliches Erleben zunehmend mit ihrer Lebensgeschichte und mit der Art verbinden, wie sie gelernt hat, sich in Beziehungen zu verhalten.
Später lockert sich die Starre. Sie beginnt, ihren Körper so zu positionieren, wie es stärker ihrem eigenen inneren Empfinden entspricht. Die Veränderung ihrer Körperhaltung beendet ihre inneren Konflikte nicht. Doch in der zunehmenden körperlichen Beweglichkeit zeigt sich möglicherweise etwas von einem größeren inneren Spielraum. Eine eigene Position einzunehmen wird körperlich und psychisch vorstellbarer.
Der Körper zeigt sich, auch wenn wir nicht über ihn sprechen
Psychisches Erleben zeigt sich in der Atmung, in der Haltung, in Anspannung, Erstarrung und Bewegung. Vielleicht wird die Brust eng, wenn ein bestimmtes Thema auftaucht. Die Stimme verändert sich. Jemand hält den Atem an, zieht die Schultern hoch oder wird auffallend unbeweglich. Ein Kloß sitzt im Hals, obwohl sich noch gar nicht sagen lässt, was gerade so schwer auszusprechen ist.
Nicht jede körperliche Reaktion hat eine eindeutige psychische Bedeutung. Verschränkte Arme bedeuten nicht automatisch Abwehr. Regungslosigkeit ist nicht zwangsläufig Erstarrung. Müdigkeit kann psychisch bedeutsam sein, sie kann aber ebenso viele andere Gründe haben.
Der Körper ist keine Geheimschrift, die eine Therapeutin nur richtig entziffern müsste. Er kann aber Fragen entstehen lassen.
Was geschieht gerade körperlich, während wir darüber sprechen? Was verändert sich, wenn die Aufmerksamkeit für einen Moment dorthin gerichtet wird? Gerade bei Erfahrungen, die sich nur schwer in Worte fassen lassen, kann diese gemeinsame Wahrnehmung einen Zugang eröffnen.
Erfahrungen aus einer Zeit vor den Worten
Manches, womit wir in der Psychotherapie arbeiten, hat seinen Ursprung in einer Zeit, in der noch keine Sprache zur Verfügung stand. Ein Säugling erlebt Nähe und Distanz, Beruhigung und Unruhe, Gehaltenwerden und Alleinsein zunächst körperlich und in der unmittelbaren Beziehung zu anderen Menschen.
Wie eng Körper und inneres Erleben dabei zusammenhängen, beschrieb die Psychoanalytikerin Esther Bick am Beispiel der Haut, die sie nicht nur als körperliche Grenze verstand. In ihrem Verständnis kann die frühe Erfahrung, durch einen anderen Menschen gehalten zu werden, allmählich zu einer inneren Erfahrung von Begrenzung und Zusammenhalt werden. Berührung, Stimme und Geruch können eine haltende Funktion übernehmen, lange bevor ein Kind diese Erfahrung selbst innerlich herstellen kann (Bick, 1968).
Auch später kann etwas erlebt werden, ohne dass es bereits in Worte gefasst werden kann. Manchmal ist zunächst nur eine Enge da, eine Spannung, ein Unbehagen oder der Impuls, sich möglichst wenig zu bewegen.
Das bedeutet nicht, dass jede Körperempfindung eine unveränderte Erinnerung an frühe Erfahrungen enthält. Dennoch können frühe Erfahrungen daran mitwirken, wie ein Mensch heute Nähe erlebt, Spannung reguliert, seinen Körper wahrnimmt oder sich in Gegenwart eines anderen bewegt.
Der Körper in Beziehung: Was sich in ihm verändert
Eine Körperhaltung gehört nicht unveränderlich zu einem Menschen. Sie kann sich mit einer Situation, einem Thema oder einem Gegenüber verändern. Jemand sitzt anders da, wenn etwas Beschämendes zur Sprache kommt. Wird unbeweglicher, wenn Nähe entsteht. Richtet sich auf, wenn Ärger spürbar wird. Oder beginnt freier zu atmen, wenn etwas ausgesprochen werden kann, das lange zurückgehalten wurde.
Der Körper reagiert nicht nur auf innere Vorgänge. Er antwortet auch auf das, was zwischen Menschen geschieht.
Deshalb interessiert mich nicht nur, was eine bestimmte Haltung möglicherweise bedeutet. Ebenso wichtig ist die Frage, wann sie auftaucht und wie sie sich innerhalb einer Beziehung verändert. Darf der Körper einer eigenen Empfindung folgen oder versucht er vor allem, sich richtig zu verhalten?
Psychotherapie findet überwiegend mit Worten statt. Ihre Wirkung bleibt trotzdem nicht im Kopf.
Der Kloß im Hals löst sich. Jemand bemerkt plötzlich, wie müde er eigentlich ist. Vielleicht wird nach längerer Zeit wieder ein ruhigerer Schlaf möglich, weil etwas von der inneren Last nicht mehr allein getragen werden muss. Manchmal zeigt sich eine Veränderung im Körper, bevor sie vollständig verstanden oder in Worte gefasst werden kann.
Zuwendung statt neuer Pflicht
Den Körper mitzudenken bedeutet nicht, einem leidenden Menschen zusätzlich Sport, Ernährung und Schlaf als Aufgaben aufzubürden. Gerade eine Depression, eine Angststörung oder eine schwere Erschöpfung kann es sehr schwierig machen, sich zu bewegen, regelmäßig zu essen oder einen verlässlichen Schlafrhythmus zu finden. Menschen, die psychisch leiden, brauchen keine weitere Liste von Dingen, die sie vermeintlich falsch machen. Zunächst kann es darum gehen, den Körper überhaupt wieder wahrzunehmen und seine Bedürfnisse ernst zu nehmen.
Eine Psychotherapie beginnt vielleicht mit dem psychischen Leiden, aber sie muss dort nicht enden. Sie kann die Beziehung zum eigenen Körper berühren: die Art, wie jemand mit Erschöpfung umgeht, Grenzen wahrnimmt, Raum einnimmt oder auf die eigenen Bedürfnisse antwortet.
Es geht nicht darum, den Körper zu entschlüsseln.
Es geht darum, ihm genügend Aufmerksamkeit zu schenken, damit gemeinsam verstanden werden kann, was sich in ihm ausdrückt, und was allmählich wieder beweglicher werden darf.
Literatur
Bick, E. (1968). The Experience of the Skin in Early Object-Relations. International Journal of Psycho-Analysis, 49, 484-486.
