Der psychologische Wegweiser
Ich erlebe in Beziehungen immer wieder ähnliche Enttäuschungen.
Am Anfang scheint vieles anders. Und irgendwann finde ich mich in einem Gefühl wieder, das ich nur zu gut kenne.
Vielleicht nehmen Sie sich nach einer schmerzlichen Erfahrung vor, früher auf Ihre Bedürfnisse zu achten. Sie möchten aussprechen, wenn Ihnen etwas fehlt, und nicht wieder so lange hoffen, dass sich etwas verändert. Dann begegnen Sie einem Menschen, mit dem sich zunächst etwas Neues eröffnet.
Doch mit der Zeit entsteht eine vertraute Situation. Wieder fragen Sie nach und gehen auf den anderen zu. Oder Sie fühlen sich bewundert, aber mit Ihren Schwierigkeiten wenig verstanden. Vielleicht übernehmen Sie zunehmend Verantwortung und sind schließlich enttäuscht, dass niemand bemerkt, wie sehr Sie selbst Unterstützung brauchen.
Die Ähnlichkeit kann ernüchtern. Sie fragen sich, weshalb Ihnen das schon wieder geschieht. Haben Sie etwas übersehen? Erwarten Sie zu viel? Oder hoffen Sie ausgerechnet bei Menschen auf etwas, das diese Ihnen nicht geben können?
Vielleicht erkennen Sie erst im Rückblick, wie viel Vertrautes schon am Anfang lag. Dass Sie sich besonders bemühen mussten, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Dass es sich gut anfühlte, gebraucht zu werden. Oder dass Sie Anzeichen von Unverbindlichkeit zunächst als etwas verstanden, das mit wachsendem Vertrauen verschwinden würde.
Dabei entsteht eine Beziehung zwischen Menschen, die beide etwas mitbringen. Wiederkehrende Enttäuschungen können Anlass sein, die eigene Beteiligung genauer kennenzulernen, ohne uns für das Verhalten anderer verantwortlich zu machen.
Was wiederholt sich in Ihren Beziehungen, und worauf hoffen Sie jedes Mal aufs Neue?
Psychologische Perspektiven
Wenn sich Vertrautes zunächst wie Nähe anfühlt
Manchmal fühlen wir uns von einem Menschen angezogen, bevor wir viel über ihn wissen. Seine Aufmerksamkeit berührt uns auf eine besondere Weise. Vielleicht kennen wir aber auch die Unruhe, die sein wechselndes Interesse auslöst. Wir denken viel an ihn, bemühen uns um seine Zuwendung und erleben die Momente, in denen er uns nahekommt, umso intensiver.
Der Psychoanalytiker Christopher Bollas beschrieb mit dem Begriff des „ungedachten Bekannten“, wie frühe Erfahrungen in uns weiterwirken können, ohne dass wir sie als bewusste Erinnerungen zur Verfügung haben. Sie prägen mit, wie wir Begegnungen erleben und was uns selbstverständlich oder vertraut erscheint (Bollas, 1987).
Daran lässt sich die Frage anschließen, was wir am Anfang einer Beziehung wiedererkennen. Vielleicht ist uns die Erfahrung vertraut, um Aufmerksamkeit ringen zu müssen oder vor allem dann Zuwendung zu bekommen, wenn wir etwas leisten. Eine solche Vertrautheit kann uns anziehen, obwohl sie später schmerzlich wird. Sie ist eine mögliche Spur. Anziehung allein sagt nichts darüber aus, ob eine Beziehung uns guttun wird.
Was fühlt sich an diesem Menschen vertraut an und wie geht es uns mit dem, was wir aus früheren Beziehungen wiedererkennen?
Wenn wir darauf hoffen, dass es diesmal anders ausgeht
Vielleicht gibt es immer wieder Momente, in denen wir bekommen, wonach wir uns sehnen. Der andere hört aufmerksam zu, zeigt sich liebevoll oder lässt uns spüren, wie wichtig wir ihm sind. Danach zieht er sich erneut zurück. Gerade die guten Begegnungen können die Hoffnung nähren, dass diese Nähe doch dauerhaft möglich sein müsste.
Der Psychoanalytiker W. R. D. Fairbairn rückte in seiner Objektbeziehungstheorie das menschliche Bedürfnis nach Beziehung in den Mittelpunkt. Er untersuchte, wie Menschen innerlich an Beziehungen gebunden bleiben können, in denen sie Zurückweisung oder unzureichende Zuwendung erfahren haben. Dabei beschrieb er, wie gerade ein Mensch, der Sehnsucht weckt, ohne sie verlässlich zu erfüllen, uns innerlich besonders festhalten kann (Fairbairn, 1952).
Für wiederkehrende Enttäuschungen lässt sich daran eine Frage entwickeln: Hoffen wir in einer gegenwärtigen Beziehung vielleicht auch darauf, dass eine lange vertraute Erfahrung endlich einen anderen Ausgang nimmt? Wir möchten diesmal gesehen werden, ohne uns so sehr bemühen zu müssen. Diese Hoffnung verdient Verständnis. Zugleich kann sie es erschweren, wahrzunehmen, was der andere tatsächlich geben kann und möchte.
Worauf warten wir in dieser Beziehung und was macht uns zuversichtlich, dass es diesmal möglich werden könnte?
Wenn unterschiedliche Beziehungen dasselbe innere Thema berühren
Nicht jede Wiederholung zeigt sich darin, dass wir ähnlichen Menschen begegnen. Die Beziehungen können sich deutlich unterscheiden, und dennoch bleibt am Ende ein vertrautes Erleben: Wir fühlen uns übergangen, allein gelassen oder mit unseren Wünschen zu viel.
Der Psychotherapieforscher Lester Luborsky entwickelte ein Verfahren, um wiederkehrende Beziehungsthemen genauer zu untersuchen. Dabei werden drei Aspekte betrachtet: unsere Wünsche, die von uns erlebten Reaktionen anderer und unsere eigenen Antworten darauf. Gemeinsam mit Paul Crits-Christoph beschrieb er diesen Ansatz als Methode zur Untersuchung des „Zentralen Beziehungs-Konflikt-Themas“ (Luborsky und Crits-Christoph, 1998).
So könnten wir uns beispielsweise Unterstützung wünschen, die Reaktion des anderen als widerwillig erleben und daraufhin unsere Bitte zurücknehmen. Zurück bleibt das Gefühl, wieder alles allein tragen zu müssen. Eine solche Betrachtung fragt sowohl nach dem tatsächlichen Geschehen als auch danach, wie wir es verstehen und darauf reagieren. Gerade die Unterschiede zwischen einzelnen Situationen können dabei aufschlussreich sein.
Welcher Wunsch bleibt in unseren Enttäuschungen immer wieder unerfüllt und was tun wir, sobald wir glauben, dass er keinen Platz findet?
Wenn wir miteinander in eine vertraute Rollenverteilung geraten
Manche Beziehungen verändern sich in kleinen Schritten. Wir übernehmen etwas, weil es uns leichter fällt. Beim nächsten Mal tun wir es wieder. Der andere verlässt sich zunehmend darauf. Irgendwann sind wir diejenigen, die organisieren, nachfragen und die Verbindung aufrechterhalten, und fühlen uns damit allein.
Der Psychologe Paul Wachtel beschreibt in seiner zyklischen Psychodynamik, wie innere Erwartungen, eigenes Verhalten und Reaktionen der Umgebung einander fortlaufend beeinflussen können. Was wir befürchten, kann unser Verhalten so prägen, dass sich Bedingungen für eine erneute ähnliche Erfahrung entwickeln. Solche Kreisläufe sind veränderbar und keine zwangsläufigen Abläufe (Wachtel, 2014).
Vielleicht übernehmen wir früh sehr viel, weil wir befürchten, sonst werde etwas ausbleiben. Dabei wird für den anderen weniger sichtbar, dass wir uns Beteiligung wünschen. Zugleich entscheidet auch er, ob er Verantwortung übernimmt und auf ausgesprochene Bedürfnisse eingeht. Die eigene Beteiligung zu erkennen, kann Handlungsspielraum eröffnen. Es macht uns nicht für Gleichgültigkeit, Ausbeutung oder Grenzverletzungen anderer verantwortlich.
An welcher Stelle übernehmen wir bereits etwas, bevor sich zeigen kann, ob der andere von sich aus auf uns zukommt?
Wenn sich etwas anders anfühlt als gewohnt
Wir wünschen uns vielleicht lange eine andere Beziehungserfahrung und wissen zunächst wenig damit anzufangen, wenn sie entsteht. Jemand hört zu, ohne dass wir lange um Aufmerksamkeit ringen müssen. Eine Meinungsverschiedenheit führt nicht zum Rückzug. Wir sagen ab, und der andere bleibt uns zugewandt.
Vielleicht tut das gut. Vielleicht werden wir aber auch misstrauisch oder bemerken, dass uns etwas fehlt. Wo wir sonst viel nachdenken, warten und hoffen, ist weniger Unruhe. Es kann ungewohnt sein, eine Verbindung zu erleben, in der wir uns unseren Platz nicht immer wieder sichern müssen.
Das bedeutet nicht, dass eine ruhige Beziehung zwangsläufig die richtige ist. Auch Verlässlichkeit allein schafft noch keine Anziehung oder Verbundenheit. Doch es lohnt sich, genauer hinzusehen: Vermissen wir diesen Menschen oder eine Spannung, an der wir bisher erkannt haben, wie wichtig uns jemand ist? Können wir seine Zuwendung annehmen, oder warten wir darauf, dass sich doch noch ein vertrauter Haken zeigt?
Neue Erfahrungen können auch dadurch entstehen, dass wir selbst etwas anders machen. Wir sprechen einen Wunsch früher aus. Wir lassen eine Aufgabe beim anderen, statt sie vorsorglich zu übernehmen. Oder wir nehmen eine Enttäuschung ernst, ohne sie sofort zu erklären und weiterzuwarten. Wie das Gegenüber darauf reagiert, gibt uns wichtige Auskunft über die gegenwärtige Beziehung.
Dabei muss Veränderung nicht sofort sicher oder erleichternd wirken. Wenn wir anders handeln als gewohnt, wissen wir noch nicht, wie es weitergeht. Gerade darin kann eine Möglichkeit liegen: einen Moment offenzulassen, dessen Ausgang wir bisher schon zu kennen glaubten.
Weshalb sich gerade das Neue zunächst fremd anfühlen kann, beschreibt auch der Blogartikel „Warum wir Beziehungsmuster wiederholen, obwohl wir sie längst verstanden haben“.
Woran würden wir erkennen, dass sich etwas verändert, auch wenn es sich zunächst ungewohnt anfühlt?
Abschließender Gedanke
Vielleicht haben Sie sich fest vorgenommen, dass es diesmal anders wird, und finden sich doch wieder an einem schmerzlich vertrauten Punkt.
Es kann entmutigen, wenn Sie etwas längst verstanden haben und es dennoch erneut erleben. Sie erkennen, wie sehr Sie sich bemühen, wie lange Sie warten oder wie schwer es Ihnen fällt, eine Enttäuschung auszusprechen. Trotzdem scheint es im entscheidenden Moment kaum eine andere Möglichkeit zu geben.
Solche Wiederholungen lassen sich nicht einfach durch einen guten Vorsatz auflösen. Manchmal ist mit ihnen die tiefe Hoffnung verbunden, dass etwas Vertrautes doch noch anders ausgehen könnte: dass Sie diesmal Zuwendung bekommen, bleiben dürfen oder mit Ihren Wünschen gehört werden.
Veränderung kann dort beginnen, wo Sie früher bemerken, was gerade geschieht. Wo Sie einen Wunsch aussprechen, statt erneut still zu hoffen. Wo Sie Unterstützung annehmen, um einen Schritt zu wagen, der Ihnen allein noch schwerfällt.
Nicht alles wird sofort anders. Doch jede Erfahrung, in der Sie sich selbst ernster nehmen und eine neue Antwort finden, kann Ihren Spielraum erweitern.
Was sich oft wiederholt hat, muss nicht bestimmen, wie meine nächste Begegnung ausgeht.
Fachlich geprüft am 30. Oktober 2026 von Rahel Simmenauer, Psychologische Psychotherapeutin.
