Der psychologische Wegweiser

Es fällt mir schwer, Beziehungen einzugehen oder aufrechtzuerhalten.

Ich wünsche mir Verbindung. Doch manchmal fühle ich mich erst wieder sicher, wenn niemand etwas von mir erwartet.

Vielleicht gibt es Menschen, die Sie gern näher kennenlernen würden. Ein Gespräch hat Sie berührt, Sie denken später noch daran. Trotzdem melden Sie sich nicht. Sie fragen sich, ob Ihr Interesse willkommen wäre, ob Sie etwas zu sagen hätten oder ob der andere Ihnen nur aus Höflichkeit zugehört hat. Bevor eine Begegnung sich entwickeln kann, haben Sie sie innerlich vielleicht schon aufgegeben.

Es kann sein, dass Sie sich Kontakt wünschen und zugleich wenig Zugang zu anderen erleben. Sie bleiben im Gespräch eher beobachtend, erzählen von Ereignissen, aber kaum davon, was sie Ihnen bedeuten. Auch wenn Ihnen jemand freundlich begegnet, stellt sich das Gefühl von Vertrautheit nicht ohne Weiteres ein. Allein können Sie sich lebendiger und freier fühlen und dennoch Menschen vermissen, mit denen Sie Ihr Leben teilen könnten.

Vielleicht wird es besonders schwierig, sobald aus einer Begegnung eine Beziehung entstehen könnte. Dann könnten auch Seiten an uns sichtbar werden, für die wir uns schämen. Wir müssten zeigen, dass wir jemanden mögen oder brauchen, ohne zu wissen, wie er darauf reagiert. Oder wir befürchten, dass mit der Verbindung Erwartungen entstehen, denen wir uns kaum entziehen können.

Rückzug kann zunächst entlasten. Niemand kann Sie zurückweisen, vereinnahmen oder etwas von Ihnen verlangen. Doch mit der Zeit wird es möglicherweise schwerer, wieder auf andere zuzugehen. Sie haben vieles mit sich selbst ausgemacht und wissen immer weniger, wie Sie jemanden daran teilhaben lassen könnten.

Nicht jedes Bedürfnis nach Alleinsein ist Ausdruck einer Schwierigkeit. Entscheidend ist auch, ob Sie Ihren Abstand frei wählen können oder ob Sie auf Verbindung verzichten, obwohl Sie sich nach ihr sehnen.

Wovor schützt Sie das Alleinbleiben, und was von Ihnen findet darin auf Dauer kein Gegenüber?

Psychologische Perspektiven

Wenn wir uns zurückziehen, um innerlich sicher zu bleiben

Manchmal stellen wir uns eine Begegnung gern vor, solange sie noch nicht stattfindet. Wir denken darüber nach, was wir erzählen könnten, und fühlen uns dem anderen dabei nahe. Sobald ein Treffen möglich wird, verändert sich etwas. Wir werden angespannt, finden Gründe abzusagen und sind zunächst erleichtert, wieder allein zu sein.

Der Psychoanalytiker Harry Guntrip beschäftigte sich mit dem Spannungsverhältnis zwischen dem Wunsch nach Beziehung und einem Rückzug, der das eigene Selbst schützen soll. In seinen Arbeiten über schizoides Erleben betrachtete er auch die Möglichkeit, dass hinter äußerer Distanziertheit ein schwer zugängliches Bedürfnis nach Verbindung liegt (Guntrip, 1968).

Aus dieser Perspektive kann die innere Vorstellung einer Beziehung etwas ermöglichen, das im tatsächlichen Kontakt schwieriger wird. Dort können wir das Tempo selbst bestimmen und müssen uns keiner unerwarteten Reaktion aussetzen. Im Zusammensein begegnen wir dagegen einem eigenständigen Menschen. Die Frage wäre, unter welchen Bedingungen wir uns dabei sicher genug fühlen, um anwesend zu bleiben.

Was wird im tatsächlichen Zusammensein schwierig, das in unserer Vorstellung von einer Begegnung noch möglich war?

Wenn wir erst anders sein müssten, um uns zeigen zu dürfen

Vielleicht würden wir uns gern melden, aber uns fällt nichts ein, das interessant genug erscheint. Wir glauben, unterhaltsamer, gelassener oder erfolgreicher sein zu müssen, bevor jemand unsere Gesellschaft wirklich wünschen könnte. Eine Einladung kann dann neben Freude auch die Sorge auslösen, den Erwartungen nicht zu entsprechen.

Die Psychoanalytikerin Karen Horney beschrieb, wie Menschen ein idealisiertes Bild ihrer selbst entwickeln können, an dem das eigene Erleben fortwährend unzureichend erscheint. Mit ihren Überlegungen zu inneren Forderungen und Selbstverachtung untersuchte sie auch, wie der Anspruch, anders sein zu müssen, den Zugang zu den eigenen Möglichkeiten erschwert (Horney, 1950).

Für Beziehungen lässt sich daran die Frage anschließen, ob wir uns überhaupt erlauben, mit Unsicherheit, begrenzter Kraft oder einem gewöhnlichen Alltag vorzukommen. Vielleicht ziehen wir uns zurück, bevor sich zeigen kann, wie der andere uns tatsächlich begegnen würde. Die erwartete Ablehnung ist dann bereits wirksam, obwohl noch keine Antwort vorliegt.

Was glauben wir einem anderen bieten zu müssen, damit unser Wunsch nach Kontakt berechtigt ist?

Wenn wir im Kontakt vor allem darauf achten, nichts falsch zu machen

Ein Gespräch kann äußerlich freundlich verlaufen und uns dennoch viel Kraft kosten. Während der andere erzählt, überlegen wir bereits, wie wir antworten sollen. Wir beobachten seinen Gesichtsausdruck, prüfen unsere Worte und bemerken jede Pause. Später erinnern wir uns vor allem an das, was uns vermeintlich misslungen ist.

Der Psychiater Harry Stack Sullivan rückte zwischenmenschliche Erfahrungen und das Bedürfnis nach Sicherheit ins Zentrum seiner Theorie. Er beschrieb, wie Angst in Beziehungen entsteht und wie Menschen versuchen, sich vor Erfahrungen zu schützen, die ihr Selbstgefühl bedrohen (Sullivan, 1953).

Daran lässt sich verstehen, weshalb unsere Aufmerksamkeit im Kontakt manchmal stärker der Vermeidung von Beschämung als der Begegnung selbst gilt. Wenn wir uns fortwährend beobachten, bleibt wenig Raum für Neugier, spontane Antworten oder das Empfinden, gemeinsam etwas zu erleben. Auch eine wohlwollende Reaktion kann uns dann entgehen, während wir nach Anzeichen von Missbilligung suchen.

Was nehmen wir vom anderen noch wahr, wenn wir vor allem damit beschäftigt sind, welchen Eindruck wir auf ihn machen?

Wenn unsere Art, Verbindung zu suchen, leicht übersehen wird

Nicht jede Zuwendung zeigt sich in häufigen Nachrichten, persönlichen Gesprächen oder dem Wunsch nach viel gemeinsamer Zeit. Vielleicht fühlen wir uns jemandem besonders verbunden, wenn wir nebeneinander einer Beschäftigung nachgehen, Gedanken austauschen oder gemeinsam schweigen können. Dass uns diese Begegnungen viel bedeuten, bleibt für den anderen möglicherweise unklar.

Die Psychoanalytikerin Nancy McWilliams beschreibt schizoide Dynamiken differenzierter, als es die Vorstellung eines grundsätzlich beziehungslosen Menschen nahelegt. Sie betont die Vielfalt und das unterschiedliche psychische Funktionsniveau innerhalb solcher Persönlichkeitsmuster. Damit eröffnet sie einen Blick auf Menschen, deren inneres Erleben von außen nur schwer erkennbar ist (McWilliams, 2006). Mehr zur Einordnung solcher Persönlichkeitsanteile finden Sie unter „Persönlichkeit und Beziehung verstehen“.

Für unseren Umgang mit Beziehungen ergibt sich daraus eine praktische Frage: Wie können wir etwas von unserer Verbundenheit ausdrücken, ohne uns dabei zu überfordern? Ein kurzer Satz darüber, dass uns ein Treffen wichtig war, kann dem anderen Orientierung geben. Zugleich dürfen wir erkunden, welche Formen und welches Maß an Kontakt uns entsprechen. Entscheidend ist auch, ob das Gegenüber dafür Verständnis und eigenes Interesse mitbringt.

Wie könnten wir einen anderen Menschen wissen lassen, dass er uns wichtig ist, auf eine Weise, die sich nach uns selbst anfühlt?

Wenn wir uns nach Verbindung sehnen, aber keinen Anfang finden

Vielleicht denken wir häufiger an einen Menschen, als er ahnt. Wir erinnern uns an etwas, das er erzählt hat, fragen uns, wie es ihm geht, und würden ihn gern wiedersehen. Doch von alldem erfährt er nichts. Nach außen entsteht eine Stille, die wie Desinteresse wirken kann, während uns innerlich vieles mit ihm verbindet.

Mit der Zeit kann es schwerer werden, sich zu melden. Wir glauben, die lange Pause erklären zu müssen. Vielleicht schämen wir uns dafür, eine Nachricht unbeantwortet gelassen zu haben, oder nehmen an, dass der andere inzwischen nichts mehr von uns hören möchte. Vor dem Wunsch nach Kontakt baut sich eine immer größere Hürde auf.

Vielleicht warten wir dann auf ein Zeichen, das uns die Unsicherheit abnimmt. Wenn der andere sich meldet, könnten wir sicher sein, willkommen zu sein. Doch vielleicht wartet auch er, weil er unseren Rückzug respektieren möchte oder selbst verunsichert ist.

Ein Anfang muss nicht bereits die ganze Beziehung tragen. Wir könnten an etwas Gemeinsames anknüpfen oder schlicht aussprechen, dass wir an den anderen gedacht haben. Es braucht dafür weder eine vollständige Erklärung unseres Rückzugs noch das Versprechen, künftig immer erreichbar zu sein.

Dabei ist auch wichtig, wie viel Kontakt wir tatsächlich möchten und bewältigen können. Ein kurzer Spaziergang kann eher vorstellbar sein als ein ganzer Abend. Eine Begegnung zu zweit kann uns mehr entsprechen als eine Gruppe. Wenn wir unsere Möglichkeiten ernst nehmen, muss der Schritt auf jemanden zu nicht gleich bedeuten, uns selbst zu übergehen.

Die Antwort bleibt offen. Vielleicht wird unser Interesse erwidert, vielleicht auch nicht. Das kann schmerzen. Doch eine einzelne Reaktion entscheidet weder über unseren Wert noch darüber, ob wir Verbindung finden können.

Wie es sich anfühlen kann, unter Menschen zu sein und sich dennoch allein zu fühlen, beschreibt der Gedanke „Allein unter Menschen“ in der Themenwelt „Wenn etwas fehlt“.

Welches kleine Zeichen könnten wir geben, damit etwas von unserer inneren Verbundenheit auch beim anderen ankommen darf?

Abschließender Gedanke

Vielleicht ist der Wunsch nach Verbindung längst da, auch wenn andere wenig davon erfahren.

Es kann schmerzlich sein, Menschen zu vermissen und sich zugleich vor Begegnungen zu scheuen. Vielleicht hat das Alleinsein Sie lange geschützt. Darin konnten Sie Ihren eigenen Rhythmus bewahren und Seiten von sich leben, die Sie im Kontakt kaum zeigen können.

Wenn Sie sich mehr Verbindung wünschen, verdient auch dieses Schutzbedürfnis Verständnis. Sie dürfen herausfinden, wie viel Nähe Ihnen entspricht und was Sie brauchen, um sich mit jemandem sicherer zu fühlen. Auch therapeutische Unterstützung kann einen Raum bieten, in dem Sie das allmählich erkunden.

Vielleicht erleben Sie dann, dass Sie sich zeigen können, ohne alles preisgeben zu müssen. Dass Unsicherheit ausgesprochen werden darf und eine Pause nicht jedes Mal das Ende einer Verbindung bedeutet.

Vielleicht gibt es Beziehungen, in denen ich einen Platz finde, auch mit meiner Zurückhaltung und in meinem eigenen Tempo.

Zur Themenwelt „Wenn Beziehungen schwierig werden“

Fachlich geprüft am 30. Oktober 2026 von Rahel Simmenauer, Psychologische Psychotherapeutin.